TV-Kolumne
Nilz zappt (12)

Mal nicht so pessimistisch, liebe Zuschauer: Nilz Bokelberg übt sich in Konjunktiven, Bestandsaufnahmen und der Verteidigung des deutschen Fernsehens.

Malte Welding, ein Freund von mir, hat in einem sehr langen Text für die Berliner Zeitung geschrieben, warum seiner Meinung nach das deutsche Fernsehen scheiße sei. Und ich gebe ihm gerne in diversen Punkten recht. Dass die Redakteure der Sender in den seltensten Fällen an die Sendung glauben, ist leider so, das ist im Fiction-Bereich sogar noch schlimmer. Und dass so viele verschiedene Seiten gerne mal so lange an einem Format rumpfuschen, bis am Ende eine langweilige Kompromiss-Gesichtswurst heraus kommt, die sich niemand ernsthaft ansehen kann, stimmt auch.

Aber: Das deutsche Fernsehen ist längst nicht so schlecht wie sein Ruf, es gibt sogar gutes.

TV-Gestoeber

Mehr als nur Hintergrundrauschen: Deutsches Fernsehen ist besser als sein Ruf, findet Nilz. (Symbolbild)

Natürlich ist es um Längen einfacher, etwas zu bashen, als zu loben. Und der ständige Vergleich mit dem US-amerikanischen Sender HBO ist sowieso unfair, denn das ist weit verbreitetes Pay-TV. Würde Sky zum Beispiel hier annähernd so gute Abonnentenzahlen haben wie HBO dort, dann würden sie vielleicht auch selber etwas produzieren. Und zwar etwas Gutes und Innovatives und keine Pocher-Fußball-Show.

Da es Malte aber in seinem Text erwähnt hat: „Im Angesicht des Verbrechens“, die Serie von Dominik Graf, die war doch ziemlich gut! Oder „KDD“, eine Art deutsches „The Shield“. Beides übrigens Produktionen der Öffentlich-Rechtlichen. Also quasi wie PayTV oder eben HBO. Ja, das Eine wurde viel zu spät gesendet, das Andere viel zu früh abgesetzt, aber meh: beides lief. Nach fixer Uhrzeit guckt doch in Zeiten der Mediatheken eh kaum noch wer Fernsehen. Außer natürlich am Sonntag, wenn sich alle beim “Tatort” treffen. Und auch wenn mir diese Faszination unbegreiflich ist, weil ich das immer langweilig finde: eine gewisse Qualität hat das doch auch.

Was ist mit „Pastewka“? Für mich nicht nur eine der lustigsten, deutschen Serien. Sondern eine, die sogar den internationalen Vergleich nicht scheuen braucht. Und die trotz eher mittelmäßiger Quoten weiterhin produziert wird. Einer der seltenen Fälle, in denen sich Qualität dann eben doch noch durchsetzt. Das passiert nicht en gros, aber es passiert. Siehe auch das Dschungelcamp. Eigentlich Trash TV, aber so gekonnt umgesetzt und mit solch einer Selbstironie, dass es auch vom Feuilleton geliebt werden kann. Ein Paradebeispiel für gutes Fernsehen (wenn es auch ein eingekauftes Format ist, die Umsetzung ist ja lokal).

Nilz Bokelberg„Neo Paradise“, „Bambule“, „Roche und Böhmermann“. „Zeiglers wunderbare Welt des Fussballs“, „Zimmer frei“, „Switch“, „Knallerfrauen“. Alles tolle Formate. Sogar ein „Quiz-Taxi“ oder ein „Promi-Dinner“ halte ich für ziemlich gut gemachte Unterhaltung. Und es gibt noch so vieles mehr! Natürlich ist der Großteil des Fernsehens mit Müll zugepflastert, das halte ich aber für kein exklusiv deutsches Problem. Wer mir nicht glaubt kann ja mal versuchen, an einem Sonntagmittag drei Stunden italienisches Fernsehen zu gucken, ohne bleibende Hirnschäden davonzutragen. Die haben das „Stört nicht beim Bügeln“-Prinzip perfektioniert – mit stundenlangen Liveshows, in denen sich Servicesegmente mit fernsehballettartigen Tänzerinnen abwechseln.

Nur weil im TV so viel Müll läuft und man mehr denn je die Freiheit hat, die Sachen dann zu sehen, wenn man sie sehen möchte, heißt das noch lange nicht, dass nur Müll zu sehen ist. Und nur weil amerikanische High Class-Produktionen nur einen Klick entfernt sind, muss man ja nicht alles 1:1 vergleichen. Ein Rach wird nun mal niemals ein Ramsey. Das ist schon schade. Ach ne, eigentlich nicht: denn ich hab’ ja jetzt beide.

Also, lieber Malte, liebe Ankläger: Das deutsche Fernsehen ist weitaus besser als sein Ruf. Man muss es nur sehen wollen. Oder gucken. Je nachdem. Mir sei zum Schluss nur noch ein dringender Appell in eigener anderer Sache erlaubt:

Save „Gottschalk Live“!

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Achso, bei Twitter ist Nilz auch.

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  • Anonymous

    Vor kurzem beim Heimurlaub war ich aber schon geschockt, wie extrem lieblos und rotzig verarbeitet halt doch vieles ist. Ich find Pastewka zum Beispiel auch total super, aber die werden nie Spitzenquoten kriegen, auch weil das, was davor lu00e4uft halt schon schlecht ist. Und das svhaut dann wieder niemand, der vielleicht sonst Pastewka schauen wu00fcrde. Es fehlt einfach die Qualitu00e4t in der Breite, damit ein Fernsehabend wieder zur Option werden ku00f6nnte.

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