Fußball-Fan-Kolumne 'Fast wie im richtigen Leben'
Vollzeitjob

Bundesligafreitag und keine besonderen Vorkommnisse: Unser Kolumnist übt sich in Klatsch und Tratsch. Rein sportlichem, versteht sich.

Das Dasein als Fußballfan geht gleich nach dem Aufstehen los. Mit einer Tasse Tee und dem Blick in die Sportseiten, sonst werde ich nicht wach. Im Büro meines anderen Arbeitgebers angekommen, muss ich zuerst die Tipps bei der Online-Tipprunde abgeben, dann wird endlich gearbeitet. Natürlich kann es im Laufe des Vormittags passieren, dass ich zwischendurch den täglichen Fußball-Newsletter mit dem Kicker oder den Klatschseiten von Bild.de abgleichen muss. Wissen ist schließlich Macht in dem schmutzigen Gewerbe namens Profifußball. Da kann es auch darum gehen, ob die jugendliche Lebensabschnittsbegleiterin von Lothar Matthäus momentan Joanna oder Chantale heißt und ob ihre neuesten Fotos in der FHM oder im Playboy zu finden sind.

Gerüchte erfährt man noch immer am besten am Kaffeeautomaten. (Symbolbild)

So was ist wichtig bei den zufälligen Treffen am Kaffeeautomaten, wo natürlich noch immer über den verschossenen Elfmeter beim DFB-Pokal-Halbfinale Gladbach gegen Bayern diskutiert wird. Weil Versager Dante nächste Saison bei den Münchenern spielt, wird von Verrat gemunkelt, fußballhistorische Parallelen werden zitiert: 1984 im Pokalfinale war es, als – „wer sonst?“ – Lothar Matthäus, der nach der Saison von den Fohlen nach München wechselte, dasselbe tat. „Dieser Deserteur“, sagt der Kollege vom Feuilleton, ein eingeschworener Gladbach-Fan, der noch Günter Netzer höchstpersönlich am Bökelberg hat spielen sehen. Meint damit aber nur Matthäus. Dante hingegen sei einfach zu nervös gewesen, wiegelt er ab. Dass er nach München gehe, werde er ihm wohl erst von der nächsten Saison an nicht verzeihen können. Das ist Fußballfanlogik vom Feinsten.

Gegen Mittag in der Verlagskantine gibt es rustikales Szegediner Gulasch und ebensolche Männergespräche: Der Bayernfan aus der Repro präsentiert Gerüchte, die Münchener hätten Interesse am Bremer Torjäger Pizarro. „Was will der alte Sack denn bei Bayern?“, fragt der Kollege aus dem Layout, der dem FC Schalke zugetan ist. „Der kennt den Sauladen doch schon …“. Dann hagelt es Vorschläge, wen Bayern noch zurückholen könnte, Augenthaler, Gerd Müller und wieder mal Lothar Matthäus: der Job als Greenkeeper! Der Bayernfan grinst: „Ja, aber erst, wenn Uli Hoeneß in Rente geht.“ Zum Nachtisch wird der arme Vertriebsleiter aufgezogen, als FC-Köln-Fan ist er Spott gewöhnt. Der Schalker zieht ganz beiläufig einen Zeitungsschnipsel aus der Tasche und zitiert Franz Beckenbauer: „Wolfgang Overath ist gegangen, Volker Finke ist weg, Podolski wird wahrscheinlich gehen. Ich frage mich, ist der Geißbock noch da?“ Schmutziges Gelächter.

Gegen Nachmittag erreicht mich dann die verzweifelte SMS meines Lieblings-Kaiserslautern-Fans, die ernsthaft überlegt, zu einem anderen Fußballverein überzulaufen: „Balakow soll als Trainer zum FCK kommen“. Darunter hat sie einen Anti-Smiley gesetzt. Ich fasse es nicht und lese kopfschüttelnd bei Spiegel Online nach. „Beileid!“, schreibe ich ernstgemeint und ergänze: „Besser als Lothar Matthäus!“ Ein Grinsen kommt zurück – immerhin. Wir verabreden uns zum Essen. Wolfsburg gegen den HSV wollte ich sowieso nicht sehen. Mein Vollzeitjob beginnt ja erst am Samstagnachmittag.

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