TV-Kolumne
Nilz zappt (14)

Statt Blockbuster-Gemetzel: Nilz Bokelberg entdeckte im Osterprogramm einen Kaiser für sich.

Fernsehen an Feiertagen ist doch so ziemlich das Beste, was es gibt, oder? Da werden schon von mittags an die Blockbuster ausgepackt und um die Ohren gehauen, dass es nur so bimmelt. Am Ostermontag zum Beispiel, da liefen den ganzen Tag nur französische Filme auf 3Sat. Hängengeblieben bin ich natürlich vormittags, als gerade Pierre Richard zu sehen war. Danach kam irgendein alter Musketier-Quatsch mit Belmondo, aber dann: “La Boum” 1 und 2 im Doppelpack! Mensch, war das ein glücklicher Nachmittag.

Roland Kaiser, © rbb/MDR/Paul Schirnhofer
Unterschätzt und überraschend vielschichtig: Roland Kaiser. Vielleicht bald ein neuer Freund von Nilz. (© rbb/MDR/Paul Schirnhofer)

Und dann kam der Abend und mit ihm der Terror. Nicht nur, dass man das Gefühl bekommen musste, dass die Sender glücklich waren, dass Jesus endlich wieder lebt, damit man wieder ordentlich Leute um die Ecke bringen kann. Denn die Auswahl zwischen dem (sehr guten) dritten “Bourne”, dem (ebenfalls sehr guten) “Private Ryan” oder der (nicht gesehenen) Pro7-Eigenproduktion „Willkommen im Krieg“, sprach eine deutliche Sprache: „Und wenn Ostern schon das Fest des Friedens ist, was kümmert uns das? Wir wollen Krieg! Wer mehr Leichen über’n Bildschirm donnert, der gewinnt die Festtagsquote!“ Das war zumindest mein Eindruck. Also, nicht falsch verstehen: Ich liebe gute Action-Filme und so. Aber das schien fast wie eine Art erleichtertes Ausatmen.

Deswegen habe ich mich, als Ritter der Fernbedienung, auf die Suche nach einer Alternative gemacht. Irgendwo musste doch irgendwas Anderes, Interessantes laufen. Irgendwas, was ich so in der Art nicht schon tausendmal gesehen habe. Und was soll ich sagen – um 20:15 Uhr wurde ich auf dem RBB fündig: „Roland Kaiser live“.

Das war schon eine spezielle Show da. Nun habe ich mich ehrlich gesagt noch nie mit dem Œuvre von Kaiser näher beschäftigt. Ich kenne diese vier, fünf Hits von dem, damit hat es sich aber. Zu Anfang kam der auf die Bühne und die Band spielte ein Medley, in dem seine großen Hits immer nur mit ein paar Tönen sphärisch angedeutet wurden, was die Masse direkt in Extase versetzte. Roland Kaiser stand dabei in seinem überraschend ebenso eleganten wie coolen, schwarzen Anzug auf der Bühne und grinste stolz in die Menge. Das war ehrlich rührend zu sehen. Dann sang er seinen ersten Song. Irgend so eine Mutmach-Nummer, nach dem Motto „Du kannst alles schaffen“ oder so. Und dann kam die erste Ansage: Nach der Begrüßung freute er sich „überhaupt hier sein zu können“ und dankte dem Publikum dafür. Damit spielte er auf seine Lungentransplantation an, die gerade mal ein Jahr her war. Krass. Das hat sogar mich berührt und ich kann nicht von mir behaupten, in der Zeit besonders viel an Kaiser gedacht zu haben.

Nilz BokelbergFaszinierend an dem Auftritt waren aber wirklich die Songs: Neben den Nummern, die man so kennt und noch ein paar von diesen Mutmach-Geschichten, waren da so ganz seltsame Dinger dabei. Eines handelt davon, wie er eine Politesse abschleppt. Ein anderes über eine Frau, die eine Urlaubsaffäre hat, während im Zimmer nebenan ihr Mann pennt. Am meisten hat mich an all diesen Songs verwundert, dass die moralisch sehr weit gefasst waren. Man würde von so Schlagern ja erwarten, dass die das per se schlimm fänden. Aber in der Kaiser-Welt, da kann man nicht anders. Ja, da ist alles sehr körperlich motiviert. Das war wirklich seltsam zu hören. Ich war ernsthaft erstaunt.

Danach schaltete ich auf Eurosport und guckte noch ein bisschen Wrestling. Hey Klugscheisser, das ist keine sinnlose Gewalt! Das ist der Roland Kaiser unter den Sportarten: Unterschätzt und dabei überraschend vielschichtig.

So sieht ein gelungenes Osterprogramm aus.

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Achso, bei Twitter ist Nilz auch.

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