Fußball-Fan-Kolumne 'Fast wie im richtigen Leben'
Das Märchen vom unpolitischen Sport

Die Bundesliga ist in trockenen Tüchern, aber die bevorstehende EM in der Ukraine noch lange nicht. Weil Sport eben doch politisch ist.

Endlich bemerkt es einer: „Solange in der Ukraine Menschen aus politischen Gründen in Haft gehalten und misshandelt werden, kann es keinen normalen Umgang mit dem Land geben“, ließ SPD-Chef Sigmar Gabriel vergangene Woche verlautbaren. Und forderte deutsche Politiker auf, nicht zur Euro 2012 in die ukrainischen Stadien zu fahren. Bundespräsident Gauck hat bereits einen geplanten Staatsbesuch im Mai abgesagt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel empfiehlt ihren Ministern den Boykott, solange der schwer erkrankten und in Haft misshandelten Oppositionsführerin Julia Timoschenko die notwendige Behandlung außerhalb des Gefängnisses verweigert wird. Das Ukrainische Regime lehnt bisher alle Forderungen ab und verbittet sich die Einmischung der deutschen und europäischen Politik in innere Angelegenheiten.

Auch die Bundesliga schaltete sich ein. Hans-Joachim Watzke vom BVB erklärte, er werde, aus einer persönlichen Entscheidung heraus, nicht zu den Spielen der deutschen Elf in Charkiw und Lwiw fahren. Bayernpräsident Hoeneß forderte den Uefa-Präsidenten auf, gegenüber den ukrainischen Machthabern Stellung zu beziehen: „Ich hoffe sehr, dass Michel Platini an den richtigen Stellen deutlich seine Meinung äußert“. Theo Zwanziger forderte im hessischen Rundfunk die deutschen Nationalspieler auf, sich zu den Menschenrechtsverletzungen zu äußern. „Das erwarten wir von einem mündigen Staatsbürger, der Fußball spielt“, erklärte der ehemalige DFB-Präsident. Soviel politisches Engagement kannte man bisher selten. Der Umgang mit der Ukraine bei der Euro 2012 könnte zu einem Präzedenzfall im internationalen Sport werden.

Ukraine EM

Anti-Terror-Übungen im Olimpiysky Stadium in Kiew in Vorbereitung auf die EM. Weil Sport eben doch auch politisch ist. (Imago)

Aus Nyon, dem Sitz des europäischen Fußballverbands, kamen bisher nur laue Verlautbarungen: „Die UEFA ist keine politische Institution und wird nie eine sein“, ließ Platini wissen und bekam Unterstützung von Thomas Bach, dem deutschen Vizepräsidenten des IOC: Sport dürfe nicht zum „Knüppel der Politik“ werden. Solche Aussagen zeugen, angesichts der Berichte aus den ukrainischen Gefängnissen, von einem unterentwickelten ethischen Bewusstsein.

Aber es geht eben auch um Milliarden von Dollar, die man mit Eintrittskarten, Merchandising und den Übertragungsrechten verdienen kann. Und mit Diktaturen kann man sowieso viel bessere Geschäfte machen, das wissen Fifa und IOC aus eigener Erfahrung. Das funktionierte schon prima bei der WM 1978 im faschistischen Argentinien, wo in Stadien gekickt wurde, in denen Wochen zuvor noch Menschen gefoltert worden waren. Oder 2008 bei der gelungenen Olympiade in Peking, der Hauptstadt der Volksrepublik China, wo Menschenrechte wenig gelten.

Moralisch ist bei Uefa und IOC keine Besserung in Sicht. Auch zukünftig werden sich die obersten Sportvermarkter nicht davon abhalten lassen, dort die „Jugend der Welt“ (Pierre de Coubertin) zu sammeln, wo die besten Geschäfte zu machen sind. Bei den Winterspielen 2014 im russischen Sotchi zum Beispiel, wo „lupenreine Demokraten“ (G. Schröder) den Umweltschutz umgehen und kleine Hausbesitzer ohne Prozess enteignen. Oder bei der geplanten Fußball-WM im Scheichtum Katar 2022, in dem die Scharia herrscht und Homosexualität mit dem Tod bestraft werden kann.

Sport, das sollten sich nicht nur Platini und Bach merken, ist immer politisch, denn er hat mit Menschen zu tun. Und wenn in einem Mitgliedsland Menschenrechtsverletzungen bekannt werden, sollten sie die ersten sein, die dagegen protestieren. Der Sport kann auch politisch viel bewegen.

Ähnliche Artikel
 1 2 3 4
Nilz zappt 71
Cascada for last! Nilz Bokelberg erhofft sich für Deutschland eine pädagogisch wertvolle…

Ausflugsziel Hampton Court
Martin Freund begibt sich auf die Spuren von King Henry VIII. und seiner Vielweiberei. Mit dabei…

7 Dinge über Extremismus
Kannst du bitte mal nach dem Rechten sehen? Das schaffst du doch mit links! Frédéric Valin…

Auf ein Kaugummi mit Sir Alex Ferguson
Am Wochenende absolvierte Alex Ferguson sein 1499.…

Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten
Selbst Hand anlegen ist auch für Motorradmänner…

Nilz zappt 70
Ist irgendwie ein Schuss ins Knie, wenn eine Parodie zu nahe am Original klebt, liebe Zuschauer.…

Ähnliche Galerien
Keine passenden Galerien gefunden
Schlagwörter