TV-Kolumne
Nilz zappt (18)

Zwei TV-Momente der vergangenen Woche, die in ein Worst-Case-Szenario münden: Nach „Ich kann Kanzler“ und „DSDS Kids“ malt Nilz Bokelberg den Trash-Teufel an die Wand.

Mittwochabend:

Ich schalte ins ZDF und sehe „Ich kann Kanzler“. Wunderbar, denk’ ich mir, das wollte ich mir sowieso angucken. Ich dachte zwar mich erinnern zu können, dass das wie so eine Castingshow damals über ein paar Wochen ging, aber anscheinend haben die da was geändert. Das Prinzip: Menschen bewerben sich mit einer politischen Idee und beweisen, dass sie auch Kanzler oder Kanzlerin werden könnten. Also, so rein theoretisch. Das Studiopublikum bewertet ihre Performance bei einzelnen mehr oder weniger rhetorischen Aufgaben und am Ende bleibt nur noch eine Person übrig. Die ist dann quasi der ZDF-Kanzler und bekommt als Preis ein Kanzlergehalt, aufgerundet 18.000 Euro.

Ich kann Kanzler

Vielleicht lieber nicht Angela Merkels Erbin: "Ich kann Kanzler"-Gewinnerin Allison Jones (Mitte) mit Maybrit Illner, Michael Spreng, Oliver Welke und Jörg Pilawa (v.l.) (Foto: ZDF/Max Kohr)

Nun wurde schon vorgecastet und was man Mittwochabend präsentiert wurde, waren die besten fünf Kandidaten aus den Vorcastings. Wenn das die sechs Besten waren, dann muss ich zugeben, relativ glücklich über Frau Merkel zu sein (einen Satz wie diesen zu schreiben, hätte ich mir auch niemals träumen lassen): ein junger FDPler, der gleich zu Beginn rausflog und das perfekte Bild vom Parteisoldaten verkörperte. Die bedingungsloses Grundeinkommen-Frau, die mit ihrer Ernsthaftigkeit fast manisch rüberkam. Ein gepiercter „Verrückter“, der vermutlich spießiger als seine eigene Oma ist. Eine junge Studentin, die mit ihrer Forderung nach Abschaffung des Kindergelds (und Investition desselben in Kindergärten und Schulen) ein wenig Respekt, aber auch ganz viel „Hohohoooo“ erntete. Und ein bayerischer Stammtisch-Boy, der in seinem Dorf bestimmt saubeliebt ist, weil er so gut reden kann. Nachdem jeder seine zentrale These in einem 45 Sekunden-Statement vortrug, durften sie noch ihre eigenen Plakate (die sie auch selber „designt“ hatten) an eine Bretterwand kleben und dann gab es noch einen lustigen Einspieler, der zeigte wie sie Unterschriften für sich sammeln gingen.

Es ist natürlich ein Spagat, Unterhaltung und Politik zu vermischen. Das mündet oftmals in gähnend langweiligen Talkshows, bei denen niemand mehr zuhört. Deswegen ist „Ich kann Kanzler“ schon mal gut, weil es ein neuer Ansatz, ein neuer Versuch ist. Aber Moderator Jörg Pilawa langweilt sich selbst so sehr durch die Sendung, dass nur die Jury noch ein bisschen retten kann. Berater Michael Spreng, Maybritt Illner und Oliver Welke saßen da und mussten erklären, wen sie am wenigsten uninteressant fanden. Damit man als Zuschauer irgendwie noch nachvollziehen kann, warum das da eigentlich alles passiert. Das Studiopublikum wurde durch regelmäßiges Knöpfchendrücken-Abstimmen wach gehalten und am Ende hat sich das Mädchen mit dem Kindergeld gegen den viel zu lauten Bajuwaren durchgesetzt – der auch noch als der schlechteste Verlierer aller Zeiten hoffentlich für immer in die Annalen eingeht. Der hat sich nämlich nach Bekanntgabe der Gewinnerin sofort ganz weit weg gestellt, wollte wohl schon fast aus dem Studio raus und sein neidzerfressener Blick sagte alles. Dann musste er sich auch noch dazu bitten lassen, der Gewinnerin zu gratulieren. Ganz klar: Da war jemand sauer, dass er seinen Carport und seine offenen Deckel jetzt doch selber zahlen muss. Somit hatte die Show wenigstens zum Ende hin noch ein kleines Highlight zu bieten. Ich mag das zumindest, wenn sich Typen, die supercool rüberkommen wollen, so selbst entlarven. Depp.

Samstagabend:

DSDS Kids

Vielleicht dem netten Onkel lieber nicht über den Weg trauen, der will nur Quote machen: Ein Nachwuchs-Möchtegern-Superstar trifft in "DSDS Kids" auf Dieter Bohlen (Foto: RTL)

„DSDS Kids“. Bohlen versucht jetzt mit Kindern Quote zu machen. Via Twitter warfen viele Leute den Eltern der dort auftretenden Kinder vor, ihren Nachwuchs auf Erfolg zu bügeln. Man kennt ja das Klischee der Kindermodel-Mütter. Da mag auch etwas dran sein, aber das ist nichts Neues. Eigentlich war die Show nur eine aufgebohrte „Mini Playback Show“. Nur ohne Playback. Und mit diesem Hauch Bohlen’scher Verzweiflung, doch endlich mal wieder Casting-Quoten-König zu werden. Dafür gab es dann auch einen Einspieler, in dem niedliche Kinder so Sachen sagten wie: „Ich hab den Dieter tief in meinem Herzen.“ Gruselig. Der Mann möchte halt nicht wahr haben, dass Castingshows langsam untergehen. Und dieses „Das Publikum für zu blöd halten, die eigene Genialität zu erkennen!“ hat er ja dann auch wiederum mit dem Stammtischkanzler gemein. Bedeutet das etwa…? Ich wage es kaum auszusprechen, aber die Konsequenz kann nur sein:

Wir steuern geradewegs auf ein „Bohlen kann Kanzler“ zu.

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Achso, und bei Twitter ist Nilz auch.

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