EM-Kolumne
Böse Jungs und hübsche Hasen

Die Einen prügeln, die Anderen lächeln und winken: Was in und vor den EM-Stadien passiert, weiß in Wahrheit nur, wer auch vor Ort ist.

Das Blöde an Fußballfans ist, dass man sie sich als Verein oder Land nicht selbst aussuchen kann. Das werden sich im Moment die Verantwortlichen der Uefa denken, die sich mit den Krawallen in Warschau am gestrigen Abend auseinandersetzen müssen. Schon vor dem historisch aufgeladenen Match zwischen Polen und Russland kam es bereits zum ersten Zoff zwischen den Fans beider Mannschaften. Im Stadion blieb es dagegen weitgehend friedlich, das tolle Spiel endete gerecht mit 1:1. Während das Match noch lief, versuchten polnische Hooligans die Warschauer Fan-Meile zu stürmen. Es gab über 200 Festnahmen bis in die frühen Morgenstunden, über 20 Verletzte wurden gemeldet, darunter 10 Polizeibeamte.

Fans von Polen und Griechenland, friedlich

Das ist das eine Bild der bisherigen EM 2012 in Polen und der Ukraine. (Foto: imago)

Polnische Hooligans hatten lange zuvor im Internet Randale angekündigt. Die nun ausgebrochene Gewalt ist kein Produkt dieser Europameisterschaft, sondern ein langanhaltendes innenpolitisches Problem in Polen. Viele der extremistischen Dumpfbacken nutzen seit Jahren die polnische Liga um rechtsradikale Parolen zu verbreiten und – kein unschöner Nebeneffekt – sich gegenseitig aufs Maul zu hauen. Hooligans sind ein nicht zu unterschätzendes widerliches Phänomen, das auch im deutschen Fußball bekannt ist, wo sie sich meist in den unteren Ligen austoben. Aber auch in der Regionalliga ist jeder Nazi im Stadion einer zu viel.

Die Randale wirft ein schlechtes Licht auf das „große europäische Fußballfest“, das sich Uefa-Präsident Michel Platini vor dem Turnier wünschte. Das Problem ist aber viel mehr die Tatsache, dass sich Fans im Stadion nicht so verhalten, wie es sich die Funktionäre seit Jahren wünschen: „Kommen, zahlen, Party machen!“ Das sah man an der künstlichen Aufregung nach dem an sich harmlosen „Platzsturm“ beim Relegationsspiel in Düsseldorf. Und an hilflosen Drohungen wie der nach Abschaffung der Stehplätze im Stadion durch Innenminister Friedrich. Als ob Sitzplatzinhaber auf ihren Hartschalen festgeklebt wären oder weniger aggressiv als die bösen Jungs auf den Stehplätzen. Und nach meiner persönlichen Erfahrung sind die größten Deppen im Stadion meistens auf den teuren Rängen direkt hinter der Pressetribüne zu finden.

Hooligans, nicht friedlich

Und das ist das andere Bild der bisherigen EM 2012. (Foto: imago)

Wer wissen will, wie der ideale Fan aus Sicht der Sportfunktionäre aussieht, muss sich nur die von der Uefa genehmigten TV-Bilder genauer ansehen, die sie uns in den Spielunterbrechungen täglich liefert: Glückliche, bunt geschminkte Menschen mit lustigen Hüten, die sobald sie bemerken, dass sie auf den riesigen Videoleinwänden des Stadions zu sehen sind, auf jeden Fall in die falsche Richtung winken. Und zufällig sind selten widerliche testosteronbeladene Kerle im Bild, sondern jede Menge hübsche, gerne auch knapp bekleidete Damen, die mit weiblichen Reizen nicht gerade geizen. So häufig in diesem Turnier, dass sich das Magazin „11 Freunde“ schon fragte, ob die EM-Medien „notgeil“ seien.

Die Erklärung dafür ist wahrscheinlich viel schlichter. In einschlägigen Fußballkneipen kursiert die neiderfüllte Version, dass es eine spezielle „Titten-Cam“ gibt, deren Kameramann das ganze Spiel nichts anderes zu tun hat als nach „hübschen Hasen“ Ausschau zu halten und dann drauf zu zoomen. Wenn das nicht mal ein neuer Traumberuf ist.

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