TV-Kolumne
Nilz zappt (24)

Semmelinterviews, Stimmimitationen und ständig schlechte Spitznamen: Nilz staunt über die Stammtisch-Qualität von Waldis EM-Club – und pflegt fast väterliche Gefühle für den kumpeligen Moderator.

Waldi und Matze Knop

Sind sich für keinen Witz zu schade: Ex-Sportjournalist Waldemar "Harti" Hartmann und Ex-Super Richie Matze Knop, hier singend auf einem Bierbike. (Foto: imago/Schöne)

Guckt sich eigentlich irgendjemand halbwegs aufmerksam an, was da nach den EM-Spielen im ersten Programm noch über den Bildschirm flimmert? Dieses AstroTV des Sportjournalismus? Ich müsste mich nämlich schwer wundern, wenn dem so wäre.

Waldemar „Waldi“ Hartmann, ein Interviewer wie eine eingeweichte Semmel, immer jovial, immer Kumpel, niemals kritisch und wenn, dann immer mit hochgezogenen Augenbrauen, so als würde er sich gerne selber auf die Finger klopfen für die unerhörte Frage, die er gerade gestellt hat. Diese Art zu interviewen gipfelte in dem berühmten Rudi Völler-Ausraster. Interessant daran war eigentlich das ganze mediale Nachspiel. In einer der Sendungen nach Völlers Wutrede hat sich – wenn  ich das recht entsinne – Hartmann dann mal demonstrativ ein Weißbier eingeschenkt und verschüchtert gelacht nach dem Motto: „Ja, seht her, ganz unrecht hat er nicht, der Völler, der Rudi. Aber so bin ich halt. Mit all meinen Macken. Haha.“ Hartmanns Einsätze für Fußballübertragungen wurden danach gefühlt weniger.

Und nun darf er, seit ein paar internationalen Wettbewerben, immer den lustigen Nachklapp moderieren. Das funktioniert heuer so, dass Hartmann in einem biergartig anmutenden Studio (im „Bayerischen Bahnhof“ in Leipzig! Hohoho!) sitzt und Gäste bekommt, mit denen er ungezwungen über das vorherige Spiel plaudert. So ungezwungen und plauderig wie möglich. Da sich Matze Knop als lustiger Gast (im Sinne von „lustig gemeint“) etabliert hat, ist er jetzt auch fester Bestandteil der Sendung. Ehrlicherweise muss man sagen, dass seine Stimmimitationen nicht so schlimm sind wie das, was man aus der Knör-Ära öffentlicher Imitationen gewöhnt ist. Bei seinem Rainer Calmund musste ich auf jeden Fall lachen.

Damit wären dann aber meine Lachmöglichkeiten in der Sendung schon komplett abgedeckt. Schon der Anfang: Hartmann, Knop und Gäste rollen auf einer Art Bierbike (die Dinger, die in Großstädten jeder hasst) ins Studio und singen dabei einen EM-Popsong, der an Einfallslosigkeit höchstens noch von Bushidos kompletter Diskographie überboten werden kann. Ich hab noch nicht so ganz rausgefunden, ob der Song nur von Knop ist oder von Knop und Hartmann zusammen. Aber ihren jämmerlichen Versuch, den mit der Brechstange zu etablieren, indem sie ihn jeden Abend nach dem Vorspann der Sendung beim Hineinbierbiken ins Studio playbackig trällern, den hab ich schon mitbekommen und das ganze, nicht mitsingende Publikum anscheinend auch.

Dann begrüßt Hartmann seine Gäste. Immer ein Alibi-Gast, der mal in seinem Leben professionell mit Fußball zu tun gehabt haben muss, ansonsten bitte Unterhaltung. Unter anderem Campino, Frank Elstner, Stefan „Kretsche“ Kretzschmar, Elmar Wepper und morgen Bärbel Schäfer und Costa Cordalis. Und da sitzen sie dann und plaudern über Mehmet Scholls Kritik an Gomez, das man das nicht darf und so, wobei Hartmann Scholl permanent „Scholli“ nennen muss um zu zeigen, wie nah er ihm steht und dass sie bestimmt auch mal ein Weißbier zusammen zischen. Kann sich ja eh nicht wehren, der „Scholli“, ist ja nicht da. Überhaupt, wenn man Waldi so reden hört kann man denken, er kennt wirklich alles und jeden. Kein Spitzname ist ihm zu blöd, als dass er ihn nicht permanent nennen würde und es auf jeden Fall vermeiden will, jemanden so zu nennen, wie er nun mal heißt.

Nilz BokelbergUnd so sitzen die vornehmlichen Männerrunden da immer zusammen, klopfen sich auf die Schultern für ihren Bild-Zeitungs-geschulten Sportsachverstand und versuchen, den Zuschauer so gut wie möglich ins Bett zu langweilen. Bei mir funktioniert das nicht, weil ich immer mit erstaunt offenem Mund vor der Kiste sitze und mir denke: Das hab’ ich nicht bestellt!

Der schönste Moment war übrigens einmal, als Hartmann zu den Fans vor Ort sprach. Das Studiopublikum besteht natürlich zu großen Teilen aus Fußballfans. Und die singen und rufen und skandieren ja gerne. So funktioniert eben Stimmung. Woraufhin Waldi am Anfang besagter Sendung einmal an das Publikum gerichtet darum bat, ihre Begeisterung doch bitte nur dann kundzutun, wenn es passen würde und nicht einfach so die ganze Zeit, das würde doch stören. Und dann hat er so eine ganz niedliche Schnute gezogen. Da hab ich fast väterliche Gefühle für bekommen. Vielleicht nenn’ ich ihn jetzt nur noch Harti.

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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  • gast1

    Der Bahnhof heiu00dft doch aber wirklich so.

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