EM-Kolumne
Pinkeln für Deutschland

Fußballfans lassen gerne mal Druck ab. Umso besser, wenn es dabei auch um einen patriotisch guten Zweck geht und unser EM-Kolumnist selbst Hand anlegt.

Ganz so leicht, wie es gestern in der Presse zu lesen war, war der Sieg gegen Griechenland nicht. Zugegeben: Dieser 4:1-Sieg kam mit viel Spielwitz und deutlich überlegen zustande, doch am Anfang wackelte die DFB-Elf bedenklich. Erst der volle Einsatz aller Beteiligten führte zum Triumph und auch ich hatte meinen maßgeblichen Anteil daran.

Aber fangen wir ganz von vorn an: Zusammen mit Freunden und ungefähr 200 anderen Fans guckten wir das Spiel auf einer etwas unscharfen Großleinwand in einem netten Biergarten. Die neue Aufstellung mit Klose, Schürrle und Reus löste verhaltenen Applaus aus, einige vermeintliche Gomez-Fans buhten. Irgendwie war ich sehr nervös und fühlte mich schon bald nach dem Anpfiff an die unseligen Championsleague-Spiele von Borussia Dortmund erinnert. Die deutsche Elf hatte in den ersten 15 Minuten gefühlte 15 vergebene Chancen. Der Treffer von Klose nach bereits vier Minuten zählte leider nicht – Abseits! Der Jubel im Biergarten verebbte murrend, leicht verzögert, ungefähr eine Sekunde später, auch der Jubel aus der Nachbarkneipe. Die hatten wohl eine andere Satellitenverbindung.

Die 11 Freunde in neuer Formation.

Die 11 Freunde in neuer Formation (imago)

Das Spiel blieb spannend, die Griechen, das muss man anerkennen, gaben nicht auf. Sie nutzten jede Unsicherheit der Deutschen, und davon gab es einige, um blitzschnelle Konter einzuleiten. Zum Glück stand die deutsche Defensive ziemlich gut, Hummels kriegte Szenenapplaus, als er einem durchgelaufenen griechischen Stürmer ganz routiniert den Ball abnahm. Dann endlich, fünf Minuten vor dem Pausenpfiff, lief Lahm von Linksaußen mit dem Ball in die Mitte, zog aus 20 Metern durch und das Ding war drin! Die große Aktion des Kapitäns sorgte für das ebenso große kollektive Aufatmen bei uns: „Wie damals gegen Costa Rica“,  jubelte ein Auskenner. Die anderen Auskenner am Tisch nickten anerkennend.

Dann war Pause. Eigentlich musste ich mal pinkeln, doch die Schlange vorm viel zu kleinen Klo war definitiv zu lang, lieber bestellte ich noch ein Bier. Am Tisch wurde derweil in guter Tradition über das ZDF-Studio auf Usedom gelästert: „Wo ist die Springflut, wenn man mal eine braucht?“ Es wurde erörtert, welcher der beiden Moderatoren schlimmer sei, KMH, wie Katrin Müller-Hohenstein in Fachkreisen genannt wird, oder Compagnon Oliver Kahn. Dann ging es auch schon weiter, die Pinkelpause hatte ich verpasst.

Wenn TV-Sender zu nah am Wasser bauen.

Bühnenwahnsinn beim ZDF, oder: Wenn TV-Sender zu nah am Wasser bauen (imago)

Die griechische Mauer hielt auch zu Beginn der zweiten Halbzeit, Achter-Abwehrkette, die Deutschen hatten etwas schnöselig den Druck aus dem Spiel genommen. „Doch nicht beim Stand von 1:0!“, sagte ich laut. In der 55. Minute kam es genauso, wie ich befürchtet hatte: Die insgesamt erst zweite Chance für die Hellenen, ein schneller Konter und das Ding war drin im deutschen Tor – 1:1! Erzielt ausgerechnet von „Ersatz-Jesus“ Samaras, der nur optisch an den Gottessohn erinnert, für seine Gehässigkeiten und Fouls aber schon längst die zweite Gelbe verdient hätte. Irgendjemand hatte noch eine Runde Bier bestellt. „Hoffentlich müssen wir nachher nicht auf Ouzo umsteigen“, lästerte jemand in die Runde.

Die DFB-Elf machte nach dem Tor der Griechen wieder mehr Druck, Schürrle knallte den Ball über die Querlatte. Und auch meine Biere sorgten für mehr Druck. Als ich aufstand, lästerten die anderen – „Pinkeln für Deutschland!“ – ich beeilte mich aufs Klo. Der Zauber wirkte schneller, als ich gehofft hatte: Während ich mich erleichterte, hörte ich ein Raunen durch die Tür, dann Jubelgeschrei. Verdammt, schon wieder mal ein Tor verpasst. Wieder draußen, sah ich auf der Leinwand noch die Wiederholung: Khedira hatte den Ball mit Vollspann ins griechische Tor genagelt – 2:1.

Sami Khedira im Torjubel.

Ein Guter, der immer besser wird: Sami Khedira im Torjubel (imago)

Als ich zurück zum Tisch kam, huldigte mir die ganze Gang, ich bekam frenetischen Applaus. „Fürs nächste Tor geht aber ein anderer“, sagte ich. Meinen Anteil an der Fußballgeschichte hatte ich schließlich schon geleistet.

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