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TV-Kolumne Nilz zappt (25)
von Nilz Bokelberg am 25. Juni 2012
Man sollte Lothar Matthäus, dieses Freiwild der Medienkritik, nicht vorzeitig abschreiben. Nilz hat in der Dokusoap „Lothar – immer am Ball“ nämlich etwas entdeckt, für das dessen Protagonist sich dann doch noch wirklich zu interessieren scheint. „Lothar – immer am Ball“ ist ein bis in alle Schlechtigkeit durchexerziertes Beispiel, wie man eine Dokusoap bitte nicht machen soll. Quasi das Anti-„The Osbournes“. Erstmal Lothar Matthäus selbst, dem es selbstverständlich nicht darum geht, einen echten Einblick in sein Leben zu geben, sondern möglichst viel auf dem Bildschirm aufzutauchen und dabei möglichst gut auszusehen und möglichst gut wegzukommen. Das ist ja nicht mal verwerflich. Wer wollte sich schon nach dem Aufstehen beim Sackkratzen zeigen lassen. Allerdings erfordert so ein Format, wenn man es denn ernst meint und es zum Erfolg bringen will, eine gewisse Schmerzfreiheit der Protagonisten, sonst funktioniert es nicht. Als Beispiel fällt mir da prompt eine Szene ein: Matthäus will vor allem der Kamera beweisen, was für ein caring Freund er für seine polnische Dessous-Model-Freundin ist. Die ist erkältet mit dickem und verschnupftem Kopf in die Küche gekommen, in der Matthäus gerade (angeblich) das Frühstück vorbereitet. Er redet sofort auf sie ein, immer mit der Geste des großen Augenzwinkerns in Richtung Kamera, dass er sie jetzt wieder gesund machen würde und ihr gleich noch einen Arzt empfiehlt. Dazu bereitet er ein Rührei, das ein Spiegelei werden sollte, das ungenießbar, weil fast halb roh ist. Dabei lacht er ganz jovial, immer die Kamera im Blick. Hohohoho, seht mal her, ich kann nicht kochen, hohoho, aber ich versuch’s immerhin, hohoho. Dann überlegt er noch, ob er seiner Freundin (Joanna Tuczynska, der Vollständigkeit halber) einen Tee oder lieber einen Cappucino machen soll. Gut, Erkältung, krank, jeder Mensch weiß, was die Frau jetzt braucht. Matthäus aber ist so aufgeregt, wegen der Kamera vermutlich, dass er ihr erstmal gibt, was gerade vor ihm steht. Also bekommt sie zu ihrem rohen Rührei noch einen Cappucino dazu. Serviert auf einem Frühstücksbistrotisch, auf dem schon vorbereitet für jeden ein Glas Cola steht. Das ist alles so erbärmlich in seinem Versuch lustig und normal zu wirken, dass es einen wirklich schüttelt. Nichts in der ganzen Szenerie ist echt oder natürlich. Nichts ist interessant. In nichts kann man sich wiederfinden. Nicht mal das verkackte Ei kann einen erfreuen oder ekeln oder sonst was. Es ist einfach alles unglaublich egal. So egal, wie Matthäus offenbar seine Freundin ist, bei der man das Gefühl hat, er hat sie sich schnell für die Sendung angelacht. ![]() 'Das ist das letzte Mal, dass ich Dir Eier gemacht habe', droht Lothar Matthäus seiner Freundin, der es nicht schmeckt. Die wird sich freuen. (Screenshot / VOXNOW) Eine spätere Szene zeigt wie Matthäus seinen Agenten besucht. Dabei muss er ein paar Dinge erledigen, die man als Klient eben so erledigen muss. Ein englischsprachiges Telefon-Interview zum Beispiel, in dem Matthäus natürlich wie immer radebricht und sein Manager dabei mit verschränkten Armen grinsend im Hintergrund steht. Als nächstes bearbeitet er die Fanpost und unterschreibt die Autogrammwünsche, wobei er erklärt, was für eine diffizile Aufgabe das sei. Sollte diese erste Folge der Massstab für die komplette Staffel sein, darf man sie wohl getrost als gescheitert bezeichnen. Ich hab’ sie auf jeden Fall eine Viertelstunde vor Ende ausgemacht, weil ich etwas Spannenderes, Vielseitigeres, Informativeres, Aufregenderes, Sexiereres, Lustigeres und natürlich Echteres zu tun hatte und zwar: Schlafen. ____________________ Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch. Ähnliche Artikel Ist die Zeit der Suchmaschinen etwa vorbei? Sind sie schlicht zu gut? Suchkumpel statt… Eine Shoppingtour unseres Motorradmanns Jan Joswig endete mit einer unerwarteten Entdeckung: Im… Charles Bukowski, Blutblasen im Ohr und Vögel unter Maos… Jan Joswig nimmt in seiner Kolumne den ehemaligen italienischen Motorradhersteller Laverda ins… Netzkolumnist Frédéric Valin möchte der Sprachkritik im Internet kein Forum bieten. Den… Ähnliche Galerien Keine passenden Galerien gefunden
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