EM-Kolumne
Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser

Spanien ist wieder Europameister, die Euro 2012 Geschichte, unsere Kolumne auch – und die deutsche Nationalmannschaft, die immer noch besser ist als ihr nun dahergeschriebener Ruf, kann nach dem Endspiel fast froh sein, schon im Halbfinale ausgeschieden zu sein.

Spanien

Am Ende doch die verdienten Sieger: Spaniens Nationalmannschaft, Europameister 2012

Was für ein geiles Spiel war das denn? Zum Ende der Europameisterschaft lieferte uns Spanien gegen Italien ein Finale zum Niederknien und alle, die in den letzten drei Wochen über den „langweiligen Tiki-Taka-Fußball“ gelästert haben, mögen nun für immer schweigen. Sollte ich mich je ähnlich geäußert haben, entschuldige ich mich hiermit in aller Form und behaupte ab sofort das Gegenteil. Was Kaiser Firlefranz auf Twitter kann, kann ich schon längst.

Es waren ja nicht nur die vier genialen Tore im Finale, es war das grundsätzliche Auftreten der Spanier, was die Fans auch bei dieser EM begeisterte: Bei welchem Fußballteam sonst findet man jene angenehme Mischung aus spielerischer Intelligenz, Einsatzfreude und menschlicher Zurückhaltung. Sogar als es beim Halbfinalkick gegen Portugal zum ersten Mal seit Jahren knapp wurde, haben die Spanier Nerven bewahrt. Das macht große Mannschaften aus.

Xabi Alonso

Ein Spanier im Fußball- und Familienglück: Europameister Xabi Alonso mit Kind und Kegel (imago)

Es sollte einfach an diesem Sonntag nicht der Tag Italiens sein. Die Spieler wirkten insgesamt müde, das ging schon bei der Hymne los, bei der Buffon und Co immer etwas hinter der Melodie nachhinkten. Die „Superstars“ Pirlo und Balottelli waren kaum zu sehen. Ein Schuss des Stürmers weit übers Tor brachte den iberischen Keeper Casillas auf die Idee, mal deutlich mit den Armen zu winken – „Hier unten bin ich!“ Und nach 64 Minuten spielten die Azurri nur noch zu zehnt, Pechvogel Thiago Motta, gerade mal 200 Sekunden auf dem Platz, verletzte sich ohne Fremdeinwirkung. Das Einwechselkontingent der Italiener war damit ausgeschöpft. Nach dem demütigenden Spiel flossen Tränen, nicht nur auf der Fantribüne. Man musste Mitleid mit Italien haben, wenn harte Kerle vom Türsteher-Format eines Giorgio Chiellini weinen, vergeht einem die Häme. Die italienischen Fans in Rom, die wohl mal wieder zu viel erwartet hatten, randalierten, die Polizei brach das Public Viewing im Circus Maximus vorzeitig ab. Schade.

Wenn man das Spiel der Spanier im Nachhinein betrachtet, haben die Deutschen vielleicht sogar Glück gehabt, dass sie im Halbfinale ausgeschieden sind. Sonst wäre der Shitstorm im Internet, der über Jogi Löw und seine Spieler hergefahren ist, sogar noch größer. Das nervt, wie TV-Kult-Moderator Arndt Zeigler in einem ziemlich geharnischten offenen Brief an seine Facebookfans mitteilt: „Dieses unglaubliche Rumgeflenne überall über die Niederlage gegen Italien ist erbärmlich und unwürdig.“

Was zum Ende der Euro auf jeden Fall nochmal gesagt werden sollte: Es war irgendwie ein seltsames Turnier in Polen und der Ukraine. Mit wenigen wirklich guten Spielen, lustigen Fans wie Iren, vielen hübschen weiblichen Fans, die zufällig immer ins TV-Bild kamen, weniger bekloppten Hooligans als befürchtet, und mit einer lustig hampelnden Angela Merkel auf der Tribüne, die im Halbfinale beinahe schon vermisst wurde. Und natürlich mit viel politischem Zündstoff: War der ukrainische Halbdiktator Janukowitch eigentlich überhaupt einmal im Stadion? Beim Endspiel zwischen dem weißrussischen Kollegen Lukaschenko und Italiens Mario Monti? Oder hat den auch die Uefa-Regie aus den TV-Bildern rausgeschnitten? Man weiß ja nach dieser Euro gar nicht, was man seinen Augen noch glauben darf. Und die Idee von Michel Platini, die Euro 2020 in zwölf verschiedenen europäischen Ländern auszutragen, die ist bestimmt dem ukrainischen Wodka zu verdanken.

P.S. Es gibt ja nix im Fußball, was es nicht gibt. Am Ende wird gar noch Matthias Sammer Sportdirektor bei den Bayern. Schnapsidee, oder? Bis zum Bundesligastart am 24. August geben wir zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

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