TV-Kolumne
Nilz zappt (26)

Am Fernsehsamstagabend versuchte Nilz seine eigene Achtziger-Nostalgie für seine Tochter ins Jetzt rüber zu retten. Leider fehlten ihm dafür gute Sendungen und ein ganz bestimmter Moderator.

Ich liebe es mit meiner Tochter Samstagabend öffentlich-rechtlich fernzusehen. Natürlich auch, weil mich das als Kind der Achtziger total an die eigene Sozialisierung mit Thomas Gottschalk, Kurt Felix und Paola, Rudi Carell, Blacky Fuchsberger und Joachim Kuhlenkampf erinnert. Aber, ach, aber, wie schwer das mittlerweile ist und um wie vieles schwerer das andauernd wird.

Guido Cantz moderiert „Verstehen Sie Spaß?“ und würde meiner Meinung nach sogar einen ganz guten Job darin machen, würde die Show nicht aus allen Poren reine Spießigkeit verströmen. Die versteckten Kameragags sind gelegentlich noch recht gelungen, doch man merkt der Sendung an, dass sie gerne mehr machen würde, aber anscheinend vor irgendeiner Mauer andauernd dabei scheitert. Eine Mauer, die ihnen befiehlt, eher den 100-jährigen Zuschauern zu gefallen als der nachkommenden Generation. Und somit plätschert die Show regelmäßig so gemütlich vor sich hin, dass man die eingestreuten Gastauftritte irgendwelcher schrecklichen Musical-Produktionen schon für Auftritte von Iron Maiden hält. Meine Theorie für diese Über-Vorsicht und Zuschauerangst (die ja dadurch schon wieder in eine Zuschauerverachtung umschlägt) ist, dass sich die Redaktion und die Macher nie von dem Harald Schmidt-Intermezzo erholt haben, zu dessen „Verstehen Sie Spass“-Zeiten wohl ganz viele Empörer empört waren, ob des bissigen Humors am seligen Samstagabend. Seitdem ist die Sendung ein Schatten ihrer selbst.

Frag doch mal die Maus, Bild: WDR/Max Kohr
Otto Waalkes und Roman Lob im Gewinnerteam der Samstagabendshow “Frag doch mal die Maus” – ob damit Sonya Kraus gemeint war? (Bild: WDR/Max Kohr)

„Wetten dass…?!?!“ moderiert vom 6.Oktober an Markus Lanz und nach anfänglicher Skepsis bin ich zwar immer noch skeptisch, aber kann mir so ganz langsam vorstellen, das das vielleicht hinhaut. Gut, Lanz ist kein Paradiesvogel wie Gottschalk, aber wenn man die Show etwas modifiziert und anpasst, kann er da vielleicht auch gut durch- und wegkommen. Wir werden sehen, das Orakeln ist meine Sache nicht.

„Frag doch mal die Maus“ hab ich letzten Samstag geguckt und, nun ja, was soll ich sagen. Die Show hat ihren Charme. Zwei Dreierteams von Prominenten treten gegeneinander an, um kleine Spielchen zu machen und mit dem hinter ihnen sitzenden Publikum die richtigen Antworten zu raten auf Fragen wie: „Der Mann der Königin von England darf als Einziger seine Frau „Sausage“ nennen. Wahr oder falsch?“ Dazwischen treten Kinder auf, die der Maus ihre Fragen geschrieben haben („Kann man über Wackelpudding laufen?“) oder die irgendetwas ganz Besonderes können. Das ist alles harmlos und niedlich und so familiär und kindgerecht, dass es schon irritiert als Otto bei einem Spiel, in dem man Bilder die aus Post-its geklebt werden, erraten muss, „Das ist ein Sperma!“ ruft.

Daraufhin eilt ihm sofort der Moderator Eckhart von Hirschhausen zur Seite und korrigiert: „Das nennt man aber Spermium, ne?“. Das ist leider einer der wenigen Momente, in denen er – trotz Klugscheißerei – authentisch wirkt. Denn der echte von Hirschhausen wirkt sympathisch, angenehm ironiefrei, eigentlich perfekt für so eine Sendung. Aber er hat längst beschlossen, dass eine Moderatoren-Ausgabe von ihm passender sei. Und so wird jedes Spiel, jede Quizfrage, jedes Kind und jeder Liveact damit angekündigt besonders „SPEKtakulär“ zu sein, wobei er die erste Silbe immer Nilz Bokelbergso überbetont, dass sie wie das Zeug klingt, mit dem man bekanntermaßen keine Mäuse fängt. Anderer, unangenehmer Nebeneffekt: Durch die Überbetonung wirkt das ganze wieder ironisch. Und man fragt sich die ganze Zeit: Mag er die Sendung nun oder findet er sie doof? Das ist total schade. Dass seine Anmoderation des Musikgastes dann nur noch mechanisch und komplett uninteressiert wirkt: klar.

Und ich sitze da mit meiner Tochter auf der Couch und denke: Wer wirklich fehlt, wer wirklich echte Begeisterung vermittelt hat (für seine musikalischen Gäste), wer Gemütlichkeit und Spaß wie kein Anderer transportieren konnte, war, klar, Jürgen von der Lippe. Dass seine letzten Shows bei den Privaten Schrott waren – geschenkt. Was der Mann braucht ist Platz. Platz für seine Übermoderationen. Platz zu erzählen, zu schwärmen, zu reden. Den haben die Privaten nicht. Aber die öffentlich-rechtlichen.

Deshalb: Bitte. Jürgen zurück auf den Sendeplatz. Für meine Tochter. Und die frisch gebadete Magie eines Samstagabends.

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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