TV-Kolumne
Nilz zappt (27)

Wenn alte Fernsehbekannte namens Detlef D! Soost, Lucy, Senna und Ross an einem langen Tisch sitzen, kann das nur eines bedeuten: „Popstars“ ist mal wieder da. Die erste Folge der Jubiläumsstaffel hat Nilz natürlich nicht verpasst – und schürt nun Hoffnung und Angst gleichermaßen.

Haben den ganzen Casting-Scheiß schon selber durchgemacht - und leben offenbar bis heute davon: Lucy, Senna und Ross, mit Chefjuror D! die 'Popstars'-Jury 2012 (Foto: ProSieben/Bernd Javorek)

Haben den ganzen Casting-Scheiß schon selber durchgemacht - und leben offenbar bis heute davon: Lucy, Senna und Ross, mit Chefjuror D! die 'Popstars'-Jury 2012 (Foto: ProSieben/Bernd Javorek)

Sie ist wieder da! Die Mutter aller deutschen Castingshows, „Popstars“, geht in die zehnte Staffel. Gefühlt ist es die hundertste und von den Bands, die bei der Sendung entstanden, blieb einem auch nur eine, wenn es hochkommt, im Gedächtnis, aber dennoch: Ein gewisser Grundrespect für die Show bleibt, weil sie eben die Ersten waren. Ganz einfach.

In der neuen Staffel, die vergangenen Donnerstag gestartet ist, ist wieder vieles neu und anders. Die vierköpfige Jury ist dabei jubiläumsmäßig geschickt besetzt. Neben D! sitzen Lucy von den No Angels, Senna von Monrose und Ross von Bro’Sis. Drei ehemalige „Popstars“-Kandidaten aus drei „Popstars“-Bands, deren dritte Gemeinsamkeit ist, dass es die Bands allesamt nicht mehr gibt (wobei, bei den No Angels ist das ja nie so ganz sicher…). Ich glaube, bis auf Queensberry gibt es gar keine Popstars-Band mehr und selbst die haben sich in der Zwischenzeit mal getrennt. Gut, die Show heißt ja auch „Popstars“ und nicht „Popstars für immer“. Aber die Acts der letzten Staffeln hatten schon eine unglaublich kurze Halbwertszeit. Zum Teil kannte man die schon nicht mehr, während der Abspann zum Finale lief. Some & Any, anyone? Room 2012?

Detlef D! Soost

Vom Tanzchoreograf zum 'Popstars'-Boss: Detlef D! Soost, der in seinen Sendungen für Poser nicht viel übrig hat (Foto: ProSieben/Bernd Jaworek)

Das kann und wird aber bestimmt jetzt wieder alles besser werden. Denn die Sendung hat eine komplette Rundumerneuerung bekommen. Es werden keine Massencastings mehr gezeigt. Bis zur Jury kommt nur noch eine sehr kleine Vorauswahl. Ja, ein paar Castingfreaks werden nach wie vor präsentiert, aber in schnellen Einspielern. Einerseits gut, weil man das Unvermögen nicht mehr so breit tritt, sondern kurz abfeiert, aber kurz genug, um den Nichtskönnern eben noch ein wenig Menschenwürde zu bewahren. Das klassische „vor sich selber schützen“. Find ich erstmal gut. Aber nimmt dem Ganzen auch wahnsinnig viel Atmosphäre. Diese vielen wartenden Menschen immer, das war ja auch ganz schön. Jetzt unterhalten sich die zehn Kandidaten, die es bis zum Jurycasting geschafft haben, auf irgendeinem Dachgarten und warten, dass sie reingerufen werden. Auf dem Weg ins Castingstudio geben sie dann noch letzte Statements ab, bevor sie dann in die Höhle des Löwen gehen. Sehr offensichtlich hat man hier „The Voice of Germany“ geguckt und hofft wohl etwas von dessen Look-and-Feel zu den Popstars rüberzuretten, weil das ja so überraschend erfolgreich war.

Find ich schwierig alles. Trägt nicht zur Stimmung bei. Eher im Gegenteil. Die Castings fühlen sich trocken an, wie der Presseclub auf Valium. (Danke an meine Twitter-Follower für den „Presseclub“!)

Aber es gibt noch eine viel spektakulärere Neuerung bei „Popstars“: die Punkte. Jedes Jurymitglied hat Sterne zu vergeben, von null bis drei Stück. Jeder Castingkandidat muss nun mindestens acht Sterne insgesamt bekommen, um in die nächste Runde zu dürfen. Ich gebe zu, das verleiht der ganzen Geschichte wieder eine gewisse Spannung, vor allem weil die bis zum Schluss ihre Punktevergabe auch noch ändern können. Auf dem Spannungslevel funktioniert das. Anders ist das natürlich in der Bewertung der Performances an sich. Man muss nur noch einzelne Punkte erkämpfen, einzelne Jurymitglieder anbetteln um den einen, wichtigen Punkt zu bekommen und was genau bedeuten jetzt zwei oder drei oder nur ein Stern? Da hakt es natürlich gewaltig und dadurch kommen dann auch spannende Kandidaten, die mal angenehm aus dem Castingshowkandidateneinerlei ausscheren, dann eben leider nicht weiter. Gleich zwei Hoffnungsträger haben es in der ersten Sendung nicht Nilz Bokelberggeschafft. Da merkt man dann doch: Es darf an der Jury gezweifelt werden. Letzten Endes hat man eh langsam das unangenehme Gefühl, das bei D! ein leichter Bohlen-Effekt einsetzt, sprich: er ist der Juryhausherr und sein Wort ist Gesetz – wenn er auch, das muss man ja mal sagen, deutlich mehr Güte und Kompetenz ausstrahlt, als der braun-gegerbte Tötensener. Dennoch: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass man am Ende die gleichen langweiligen Kandidaten wie immer vorgesetzt bekommt. Da ist kein Wagnis, da ist keine Spannung, da ist vor allem keine Lust an Provokation. Der Werbekunde möchte wohl ein Umfeld, das sich nicht von den Pietro Lombardis dieser Welt unterscheidet, und deswegen wird am Ende eine Band stehen, die über 14 Jahren niemanden mehr interessiert. Was ja durchaus okay ist. Aber warum läuft die Sendung dann eigentlich nicht bei Nick?

Soost, tu was!

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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