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TV-Kolumne Nilz zappt (28)
von Nilz Bokelberg am 16. Juli 2012
Pünktlich zum Sommerloch nimmt Nilz sich eine deutsche Fernsehinstitution vor, die diesen Ruf ihm nach schon lange nicht mehr verdient – und entwirft bei der Gelegenheit ein Drehbuch, mit dem zumindest der “Tatort” des NDR zu Hochform auflaufen könnte. Leute, wir müssen reden. Würde ich mich nun in einen seitenlangen Monolog versteigen, die architektonische Schönheit und Genialität westfälischer Doppelhaushälften der siebziger und achtziger Jahre über den grünen Klee loben und zu „Kult“, was auch immer das bedeuten soll, erklären würde – man hielte mich wohl für bekloppt, bei aller Liebe. Wie kann es aber dann sein, dass ich mir genau solche Lobpreisungen permanent anhören muss? Wenn auch nicht über Eigenheime, so aber zu deren televisionärer Entsprechung: dem “Tatort”. Der “Tatort” ist ja die Sichtbarmachung typischer deutscher Langeweile. Der Geschmack von Vororten, in denen einmal alle hundert Jahre etwas passiert. Wo man durch die Gardine den Nachbarn beobachtet, weil der zu laut eingeparkt hat. Und schon gleich verdächtigen muss: Warum kann der sich überhaupt so ein Auto leisten? Hat der schon wieder ‘ne Neue? Wo waren sie gestern Abend zwischen 20 und 23 Uhr? Wo ist da der Unterschied? War vor ein paar Monaten schon ein Internet-Hit: ein typischer “Tatort” in 123 Sekunden Und dann muss es halt immer irgendein Opfer geben. Möglichst blöd, möglichst bedrängt. Und jedes dritte Mal muss das Opfer aber auch selber Dreck am Stecken haben. Dabei gibt es einige ganz wichtige Punkte zu beachten: niemals, niemals, niemals Action. Alles muss im Spaziergang zu lösen sein. Wir sind nicht Hollywood, wir brauchen kein Knallbummpeng, wir haben atmosphärisch dichte Bücher. Hihihi, das ist ein Euphemismus für einen langen Schwenk über ein Neubaugebiet am Rande der Stadt. Wir könnten zwar den wöchentlichen Wechsel der Kommissare und Produzenten dafür nutzen, eine große Vielfalt auszuprobieren, aber wir wollen lieber alle das Gleiche machen und den Anderen damit zeigen, wie man es richtig macht. Es darf nur sehr wenig Humor haben und wenn dann nur so Witze, die sich aus dem Spannungsverhältnis eines verklemmten, theoretisierenden Menschen und seines Partners ergeben. Am Besten sind Späße, über die man mit vorgehaltener Hand kichert. Denn Filme, in denen herzlich gelacht wird und die man dennoch ernst nimmt, hat es schließlich noch nie gegeben! Zumindest nicht auf deutschem Boden. Es gibt in der Musikindustrie schon seit Jahren eine verächtliche Kategorisierung für Schlagerstars und Co: „Stört nicht beim Bügeln.“ Die Krimireihe im Ersten funktioniert so ähnlich. Sonntagabend, Wochenendausklang. Nochmal vor dem Fernseher entspannen, vielleicht sogar wegdösen und sich dann traurig ins Bett schleppen, weil man am nächsten Morgen wieder zur Arbeit muss. Deswegen versucht der “Tatort” jede Aufregung zu vermeiden. Man hat sich ein Publikum rangezüchtet, das keine Aufregung möchte. Vielleicht waren die Kurtulus-”Tatorte” deswegen auch nicht so erfolgreich wie die anderen. Weil das echte, dreckige, böse und dunkle Krimis waren, in denen Gut und Böse verwischt. Das ist zuviel Hirnarbeit am Sonntagabend. Dafür hat der NDR ja kurz darauf Til Schweiger als neuen Kommissar verpflichtet. Man will es nun offensichtlich am anderen Ende des Spektrums versuchen.
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