TV-Kolumne
Nilz zappt (31)

Im Folgenden lesen Sie einen Beinahe-Rant von Nilz Bokelberg gegen Regisseur Rainer Kaufmann und das deutsche Fernsehen. Beweist immerhin: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Über Qualität offenbar doch.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt über die Zustände des deutschen Fernsehfilms: Die Drehtage werden immer weniger, zu wenig, um noch richtige Qualität garantieren zu können. Die Top-Schauspieler bestehen auf ihre Top-Gagen und weil Produzenten gerne umverteilen, bekommen die Nicht-so-Top-Schauspieler weiter hinten immer weniger Geld für ihr Engagement. Man kann sich ja bei den Großen beschweren. Oder am Besten beschwert man sich gar nicht, weil man als Meckerkopf nämlich sowieso nicht mehr gebucht wird. So weit, so düster.

Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes (BBC)

Macht als Sherlock Holmes der BBC zwar eine herausragende Figur, dürfte gegen die Ferres im deutschen Fernsehen aber offenbar abstinken: Benedict Cumberbatch, Englands neuer Fernsehstar (Foto: BBC)

Wirklich abenteuerlich wird es in jenem Artikel aber dann, wenn Rainer Kaufmann zu Wort kommt. Kaufmann ist ein toller Regisseur, der unter anderem „Stadtgespräch“ oder „Die Apothekerin“ zu verantworten hat. Back in the good old days. Da in Deutschland nicht besonders viel Kino stattfindet, macht auch Kaufmann viel Fernsehen. Und er macht gerne Fernsehen, sagt er. Da kann man schneller mit der Arbeit anfangen, als wenn man auf die Finanzierung eines Kinoprojektes warten muss. Da ist was dran. Das Budget eines Fernsehfilms ist ja in der Regel deutlich kleiner als bei einem Kinofilm. Was ja auch nicht immer schlecht sein muss. Lieber kreativ sein mit wenig Geld, als die Kohle zu verballern, aber nicht wirklich wissen warum. Das ist ja das eigentliche Elend des deutschen Films.

Aber dann kommt ein superabenteuerliches Zitat von Kaufmann und da muss ich dringend einmal intervenieren. In dem Artikel steht:

Regisseur Kaufmann lobt das deutsche Fernsehspiel als etwas ‘Einmaliges. Das gibt es in der ganzen Welt nicht in dieser Güte, das kann sich gegen BBC, Channel 4 und HBO sehen lassen.”“

Mal so zur Übersicht, für Herrn Kaufmann, aber auch für alle Anderen, einfach mal eine vollkommen subjektive Auswahl an Produktionen der erwähnten Sender:

BBC: “Dr.Who”, “Life on Mars”, “Sherlock”, “Monty Python´s Flying Circus”, “Fawlty Towers”, “Hitchhikers Guide To The Galaxy”, “The Office”, “Extras”, “Episodes”

Channel 4: “IT Crowd”, “Garth Marenghi’s Darkplace”, “Skins”, “Misfits”, “This is England”, “Dead Set” und sämtliche Jamie Oliver-Shows

HBO: Jede großartige, beliebte, amerikanische Serie der (mindestens) letzten 15 Jahre. Von “Six Feet Under” über “Flight of the Conchords” und “Entourage” bis “True Blood” und “Boardwalk Empire” auch jedes Genre dabei.

Da kommt das deutsche Fernsehspiel natürlich locker mit. Und weil die Sender auch so wahnsinnig stolz darauf sind, bekommt das auch so tolle Sendeplätze. Montag spätnachts zum Beispiel, das kleine Fernsehspiel im Zweiten. Ich sage Euch: 1 Uhr nachts ist die neue Prime Time! Oder „Der Tatortreiniger“: Eine neue, frische Serie (die ich nicht so prickelnd fand, aber egal). Die wird dann mal schön im NDR nachts um 2 Uhr irgendwann heimlich versenkt. Dann lieber die Neubauer auf den Freitagabend. Tolle Qualität! Veronika Ferres, her mit diesem schauspielerischen Meilenstein! Das ist unsere Meryl Streep! Mindestens! Die muss einfach in jedem Film mitspielen, in dem man eine Mutter braucht. Das macht die so toll. Und damit uns nicht langweilig wird in der Zwischenzeit bitte noch 27 Teile der “Wanderhure”. Das deutsche Fernsehspiel ist so toll!

Nilz BokelbergOkay, ich hör ja schon auf mit der Ironie. Und dass ein Regisseur, der einfach mal vom Fernsehen lebt, nicht erzählt wie doof es sei, ist auch okay. Niemand beißt die Hand, die einen füttert. Aber der Weg wäre dann eher höflich zu schweigen, als ein Fass aus dem Land der Fantasie aufzumachen.

Es gibt tolle, deutsche Produktionen, keine Frage! Ich liebe Pastewka, alle Jubeljahre seh ich mal einen beeindruckenden Fernsehfilm (was vor allem daran liegt, dass wir in Deutschland wirklich einen tollen Pool an absolut hervorragenden Schauspielern haben) und auch wenn “Alarm für Cobra 11″ albern ist – manchmal guck’ ich mir die Stunts an und denk’ nur „Boah!“. Alles cool. Aber nur weil es Gutes gibt, muss man ja nicht gleich größenwahnsinnig werden. Ich beschreib’s mal anders, für Dich, Rainer: Ich hab’ mal ein paar Songs geschrieben, die mir ganz gut gefallen. Ich würd’ mich dennoch nicht mit McCartney vergleichen, okay?

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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