TV-Kolumne
Nilz zappt (34)

Offene Kanäle können etwas Wunderbares sein, liebe Zuschauer. Man muss nur wie unser TV-Kolumnist sorgfältig die Perlen rausfischen.

Ulmi als Uwe Wöllner. (Foto: Getty)

Ich mag Christian Ulmen. Ich mochte den schon immer. Schon damals bei MTV, als er in einem weißen Studio stand, die Schlafzimmerblickkönigin Julia Valet um ihn herum schmuste und er in schönstem, deutschen Schulenglisch Clips in eine Fischaugenkamera anmoderierte mit dem herrlichen „Was mach ich hier eigentlich?“-Habitus, da musste man sich schon freuen, dass der Ulmi im Fernsehen ist. Das war auch ungefähr die Zeit, zu der ich ihn kennengelernt und auch mal in London besucht habe. Nur falls hier irgendwelche Vetternwirtschaftsvorwürfe aufkommen sollten.

Wo kam der aber eigentlich so plötzlich her? Die Antwort ist eines meiner absoluten Lieblingsphänomene: Aus dem offenen Kanal Hamburg. Die Legende will es, dass der Chef von MTV in der Hansestadt weilend Ulmen dort zufällig gesehen hat und sofort wusste: Den will ich haben.

Nun ist es ja tatsächlich so, das es kaum seltsamere und spannendere Orte gibt, als die offenen Kanäle dieser Republik. Ich erinnere mich, jedes Mal glücklich gewesen zu sein, wenn ich in einer Stadt mit offenem Kanal war. Ich bin dann auch schwer vom Bildschirm wegzulocken. Das Programm ist einfach zu verlockend. Gut, nirgends muss man so sorgfältig die Perlen rausfischen, denn sonst kann es einem überdurchschnittlich oft passieren, dass man irgendeinem Prediger – ganz gleich welcher Konfession, von Christen über Juden bis zu Muslimen war immer alles vertreten – beim langweiligen Reden zuhören und zugucken musste. Meistens mit einer Aufzeichnungsqualität, die einen an der Existenz irgendeiner Göttlichkeit zweifeln liess, weil es schlicht keinen Sinn machen würde, dass Gott die Verkündung seines Wortes mit alter Technik aus den 80er Jahren passieren lässt.

Wenn man es aber geschafft hat, diese Inseln der Langeweile zu umschiffen, dann wurde man mit den sonderbarsten Programmen belohnt. Ich erinnere mich, dass wir im Freundeskreis damals eine Schlagersendung des offenen Kanals Berlin unglaublich fanden, in der das Berliner Stuntdouble von Lino Ventura, Dieter Dost, regelmäßig singende Freunde einlud, damit diese ihre neuesten Songs performen. In „Didos Musik-Show“ hatten dann neben singenden Hausfrauen auch Exoten wie „Tunten-Rossi“ ihren Platz, die mit einer Schallplatte im Haar auftraten. Dabei war es vor allem eine Freude wie Dost das ganze handhabte. Die ganze Sendung schien immer ein wenig über ihn hereinzubrechen. Er stellte dem sonderbarsten Typen die komischsten Fragen ohne mit der Wimper zu zucken. Das alles immer mit einem großen Mikrofon am Kabel, das er hinter sich herzog. Eine tolle Show, die Dost bis zu seinem viel zu frühen Lebensende gemacht hat. Vielleicht trashig, aber auch entwaffnend ehrlich.

"Bitte schweig mich nicht an" (Foto: center.tv Köln)

In eine andere Kategorie fällt da die Sendung, die ich zuletzt zufällig gesehen hab. Gut, es war nicht ganz der offene Kanal, sondern „Center.tv“ in Köln, aber die Show hätte genauso auch bei einem beliebigen OK laufen können. Die Sendung hiess „Schlagerstars am Wochenende“ und der Name ist Programm: Der Moderator Chris Alexandros – selbst Sänger von Liedern wie „Bitte schweig mich nicht an“, „Du bist sowas von unmöglich“ oder „Bist du immer noch sauer“ – interviewt Kollegen, meistens bei ihnen zu Hause und das ganze wird am Wochenende ausgestrahlt. So viel zum Sendungstitel. In der Ausgabe, die ich gesehen hab, war er bei Achim Petry, Sohn von Wolfgang, der jetzt auch in Schlager macht. Und dabei kam es zu einem der schönsten Fernsehdialoge, den ich seit langem sehen und hören durfte:

Chris Alexandros: Wie bist du denn zum Musik machen gekommen?
Achim Petry: Och, jo, wie alle halt, ich hatte damals eine Schülerband, da haben wir aber erst so Grunge gemacht.
C.A.: Grunge? Was ist das denn? Kenn ich gar nicht, ich kenn nur den Grinch! (lacht)
A.P.: Ja, so ähnlich ist die Musik auch, wie der Grinch.
C.A.: Also so total lustig, oder wie?

Seitdem bin ich mir nicht sicher, ob das nicht Christian Ulmen in einer neuen Verkleidung war. Zuzutrauen wär’s ihm!

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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