TV-Kolumne
Nilz zappt (35)

Hirnforscher ist nicht gleich Hirnforscher, liebe Zuschauer. Das erkennt unser Kolumnist, als er Sonntag Abend von der ARD (Jauch) zum ZDF (Precht) zappt.

Günther Jauch - andere Sendung, anderer Gast. (Foto: ARD)

Sonntag Abend gab es die Möglichkeit zu einem bemerkenswerten Vergleich im deutschen Fernsehen: Bei Günther Jauch sass der Hirnforscher Manfred Spitzer und sprach über sein Buch „Digitale Demenz“, mit dem er gerade von Talkshow zu Talkshow tingelt und Angst und Schrecken verbreitet, was sich wiederum positiv auf die Verkaufszahlen des Buchs auswirkt, wie man der Pole Position in den Sachbuchcharts entnehmen kann. Ich war zu der Sendung auch eingeladen, hab aber nach langem Überlegen abgelehnt, weil ich dem Mann eben nicht helfen wollte, auch nur ein weiteres Exemplar davon zu verkaufen (etwas ausführlicher hab ich das auf meinem privaten Blog dargelegt).

Nun guckte ich mir also die Sendung an, deren Teil ich hätte sein können. Danach war ich verhältnismässig erleichtert, denn es ist genau das eingetreten, was ich geahnt und worauf ich eben keine Lust hatte: Nachdem Spitzer in der Runde lang genug widerlegt und kritisiert wurde für seine viel zu überspitzten Thesen, ist er irgendwann ausgeflippt und hat nur noch zurückgekläfft und gebrüllt und drauf bestanden, recht zu haben. So wie er es in jeder Sendung zuvor auch getan hat, vielleicht sogar noch etwas schärfer. Seine Kernthese ist ja, dass wir uns blöd googlen. Dabei vermischt sich ganz vieles: Videospiele werden seiner Meinung nach so programmiert, dass sie süchtig machen wie Heroin. Dabei schafft er es in seinem Buch nicht mal, die Hälfte von 12 Spielen einer Liste überhaupt korrekt zu nennen. Dann wieder geht es ihm um Smartphones, dann um Google, dann um Navis und so weiter. Alles Digitale frittiert Kinderhirne in dem Moment, in dem sie damit in Berührung kommen, meint er. Und Fernsehen ist nur dann gut, wenn man eine seiner Sendungen sehe, versucht er zu witzeln.

Als ein Lehrer, der mit einem sogenannten „Smart Board“ arbeitet, also einer interaktiven Tafel, auf der die Kinder zum Beispiel Worte hin und her schieben können, von seinen durchweg positiven Erfahrungen berichtet und Spitzer nach der Lektüre dessen Buches attestiert, das da sehr viel Wahres drin stünde, aber die Hälfte eben auch „Humbug“ sei, freut man sich, mal jemand zu hören, der aus der Realität argumentiert und nicht wahllos mit Zahlen um sich wirft. Spitzer selbst wird ab diesem Moment natürlich wieder laut und verliert seine Contenance. Früher hat man gesagt: „Wer brüllt, hat nicht recht.“. Anscheinend hat sich diese Annahme wieder geändert.

Gutaussehender Philosoph, schicke Kamerafahrten: Richard David Precht im Zweiten. (Foto: ZDF)

Aber dann, fast eine Stunde nach Jauch hatte im ZDF eine neue Sendung Premiere: „Precht“. Benannt nach ihrem Gastgeber, dem Populärphilosophen (gibt’s das Wort überhaupt?) Richard David Precht, ebenfalls Bestseller-Autor von „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“, soll das die Nachfolgesendung des philosophischen Quartetts sein. Auf dem gleichen Sendeplatz. Und natürlich waren und sind da alle erstmal skeptisch. War ich auch. Ich hatte manchmal in Talkshows das ungute Gefühl, Precht sei ein klein wenig zu selbstverliebt. Also, auf so eine unangenehme Art. Das mag aber auch der deutsche Anteil in mir gewesen sein, der es einem seriösen Geisteswissenschaftler erstmal verbietet, gut auszusehen. Das muss man überwinden.

Argumentiert entspannt: Neurologe Gerald Hüther. (Foto: ZDF)

Lustigerweise erinnert das Set-up der Sendung ein wenig an „Roche & Böhmermann“ von der kleinen Digitalschwester zdf.kultur, die auch gestern furios Nach-Sommerpausen-Einstand feierte (mit mal wieder einer ihrer besten Ausgaben). Das Studio bei Precht ist ebenso dunkel, die Situation vielleicht noch intimer, da es nur einen Gast und kein Publikum gibt. Die Kamerafahrten sind auch schick, aber sehr langsam, sehr mondän und modern, alles schwingt leicht vor sich hin. Das gefällt. Frisch und auf seine Protagonisten konzentriert. Precht sass also in seiner Premierensendung da mit Gerald Hüther, einem Hirnforscher resp. Neurologen. Quasi das gleiche Fach wie Spitzer. Und doch ein Unterschied wie Tag und Nacht: Hüther glaubt, dass Kinder individuellstens gefördert werden müssen, dass Schule so wie sie heute ist (und wie Spitzer sie zementieren will) nicht mehr zeitgemäss ist und nicht mehr funktioniert und dass sie aus den Kindern nur noch funktionierende Krüppel macht, die nicht dazu animiert werden, ihre jeweiligen Talente auszuleben. All das erklärt er so ruhig und besonnen und unaufgeregt, das es für eine Sendung um 23:25 etwas schwierig wird, hier keine zu frühe Nachtruhe auszulösen. Aber dennoch: Was für eine Wohltat. Vielleicht sind seine Studien, auf die er sich beruft, stellenweise genauso zweifelhaft wie die von Spitzer, aber wie schön ist es jemanden noch ernsthaft argumentieren zu sehen, der an einer Diskussion interessiert ist. Nun ja. Warten wir einfach ab.

Nicht lange und die digitale Demenz ist genauso vergessen wie Manfred Spitzer. Für den Fall hat der mit Sicherheit schon das nächste Manuskript in der Schublade: „Terror Telefon – Warum wir durchs Telefonieren keine Gesichter mehr erkennen“.

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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