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TV-Kolumne Nilz zappt (37)
von Nilz Bokelberg am 17. September 2012
Warum fallen unserem Kolumnisten nach dem Gucken von „Das Supertalent“ vergangenen Samstag nur Zitate mit Fäkalausscheidungen und Geschlechtsteilen ein, liebe Zuschauer? „Wenn etwas aussieht wie Scheiße und sich anhört wie Scheiße, dann muss es wohl Scheiße sein.“ Zitat Jack Horner (gespielt von Burt Reynolds) in Paul Thomas Andersons Meisterwerk „Boogie Nights“. Wie komm ich jetzt darauf? Keine Ahnung. Am Samstag ging „Das Supertalent“ wieder los. Und wie! Neben Dieter „Ich klebe hinter jedem Pult“ Bohlen gab es zwei große RTL-Comebacks: Michelle Hunziker, die damals die ersten Staffeln von „Deutschland sucht den Superstar“ noch zusammen mit dem ewigen Moderations-Praktikanten Carsten Spengemann präsentiert hat, darf nun neben Dieter am Entscheidungspult sitzen und ihr wirklich ansteckendes und niedliches Lachen glucksen. Und, natürlich, Deutschlands größter Entertainer: Thomas Gottschalk. Nachdem er in den frühen 90ern in seiner täglichen Late Night Show bei RTL Heidi Klum „entdeckt“ hat, ist er jetzt wieder bei dem Kölner Sender, um ungewöhnliche Talente zu entdecken. Und genau so ging die erste Folge auch los: Ein junger Amerikaner schmiert sich den ganzen Kopf voll Rasierschaum und modelliert daraus verschiedene Gesichter, wie einen Teufel oder ein Skelett. Und bekommt dafür standing ovations. Als nächstes ein kleiner Junge mit Herzfehler, der „Nossa Nossa“ singt und sich dazu so ungelenk bewegt, das man kurz befürchtet er sei an der Bühne festgetackert. Auch hier geben sich die Redakteure der Produktionsfirma alle Mühe, den kleinen Mann so lächerlich wie möglich dastehen zu lassen, indem sie ihn nicht nur viel zu exponiert präsentieren, sondern ihm auch so Bauchbinden geben wie „Will mal dick im Geschäft sein“, bei einem verwachsenen und offensichtlich übergewichtigen Jungen. Whow. Da hasst jemand seinen Job aber wirklich sehr. Dem Ganzen folgt ein Papagei, der „Hänschen klein“ singt.
Ach, es ist schon ein Elend mit der Samstagabend-Unterhaltung. Bislang kann da nur noch Raab schocken, aber da die „Schlag den Raab“ mehr Competition als Show ist, fühlt sie sich eher wie eine sehr spannende und lustige Sportübertragung an, aber eben nicht wie die große, glamouröse Revue. Mit einem Conferencier, der das Publikum an die Hand nimmt. Da war Gottschalk der Letzte, der das konnte und vielleicht ist diese Zeit rum, vielleicht soll das nicht mehr wiederkommen. Vielleicht will ich das nur noch sehen, weil ich mich voller Nostalgie an einen Fuchsberger, an einen Kulenkampff, einen Michael Schanze und an einen Kurt Felix zurückerinnere. Das Supertalent ist all das nicht. Große Unterhaltung. Eher im Gegenteil: Die Kandidaten, die sowieso alle offensichtlich gebucht sind – bis auf die „Idioten“ – könnten so oder so ähnlich auch in der Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick auftreten. Ich meine das nicht despektierlich, aber eine, zugegeben recht originelle, Schlangenfrau, ein Rentner der Bungee springt (dessen Seil dabei von Deutschlands stärkstem Mann mit den Händen festgehalten wird) und ein Handfurzer, der auch noch – Achtung jetzt wird’s superlustig – „Cherie Cherie Lady“ handfurzt, die kann ich in der Konstellation sicherlich auch alle auf dem nächsten AOK Sommerfest bewundern. Und mittendrin sitzt Thomas Gottschalk, der offensichtlich panische Angst hat, bei einer Woche Off-Screen-Time in totale Vergessenheit zu geraten, denn es kann beim besten Willen keinen anderen Grund dafür geben, dass er sich das antut, was er sich da antut. Öffentliche Selbstdemontage. Er sitzt da neben Bohlen, der der Jury-Chef bleibt, wie ein geprügelter Hund, vergewissert sich bei seinen spärlich gesäten Gags mit einem Blick übers Pult, ob der Jurykönig „amused“ ist und gibt den verständnisvollen Großvater, der auch mal mit dem Zeigefinger wackelt. Und man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass RTL da sitzt, sich die Hände reibt, satanisch lacht und auf Gottschalk zeigt und ruft: „Hahahaha, seht ihr? Wir kriegen ALLE!!!“ „Das Supertalent“ ist eine Show ohne jegliche Seele. Die Studiosituation wirkt so künstlich, wie sie zusammengeschnitten ist. In der Jury ist niemand glücklich und die meisten Kandidaten sind da anscheinend nur, weil sie ihren Auftritt bezahlt bekommen. Und da soll irgendein nichtvorhandener Funke überspringen? Geschnitten von Redakteuren, die ihr Publikum hassen und vorführen? Die Trailer mit den Worten „Und nach der Werbung sehen Sie…“ beginnen lassen, nur um nach der Werbung die gleichen Trailer noch mal zu zeigen und am Ende der Sendung darauf hinzuweisen, dass man all die shocking Sachen in der nächsten Woche zu sehen bekäme. Und diese zynischen Fernsehkaputtmacher wundern sich über schlechte Quoten? Wirklich?
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