'Motorradmänner'-Kolumne
Dirty Old Times: Alte Männer und ihre fliegenden Kisten

Motorradmann und Schauspieler Steve McQueen gilt als der „King of Cool“. Unser Kolumnist entdeckt aber jenseits von Hollywood betagte Herren, auf die das auch zutrifft.

Filmplakat (Logo by VMS)

Noch sitzen sie fest im Sattel, die Big Boys aus der goldenen Ära des Motocross von Ende der 40er bis Mitte der 60er. Im Filmprojekt „Dirty Old Times“ lassen die alten Herren Geschichte und Geschichtchen Revue passieren. Jeder kennt Steve McQueen auf seiner Husqvarna 400 im Film „On Any Sunday“. Aber es waren die Big Boys wie Torsten Hallman, Rolf Tibblin oder Bill Nilsson, die mit Vollgas-Enthusiasmus und Streifenhemd die Motocross-Kultur prägten. Diesen Helden der Dreckpisten will „Dirty Old Times“ das verdiente Denkmal setzen.

Arne Wallerstedt (Foto: Pascal Schmit)

Über den jüngsten der Motocross-Veteranen, den 74-jährigen Arne Wallerstedt, stolperte Regisseur Marc Hartmann per Zufall. Der BMW-GS-Fahrer und professionelle Filmer besuchte 2009 die Hochzeit seines Bruders in Schweden. Der Brautvater Gunnar Tejle, mittlerweile Associate Producer des Films, nahm ihn zur Seite und meinte: „I heard you like motorbikes. Come with me.“ Dann führte er Marc in Arnes Scheune voller Motorräder. „Mein sofortiger Gedanke war: Ich möchte einen Film über diesen Mann machen“, benennt Marc den Zündfunken: „Dann ist das Projekt gewachsen und gewachsen …“

Die einstündige Dokumentation setzt sich aus Filmmaterial von Marc und seiner vierköpfigen Crew und dem Footage-Material der Protagonisten zusammen. „Wir haben Einzelinterviews mit den Big Boys geführt. Was die gesagt haben, das kann die hochkarätigste Schreibercrew nicht erfinden. Wir machen ein Medley aus den Interviews, angereichert mit dem historischen Material. Es wird kein Talking-Heads-Film. Nur Interviews aneinanderzuschneiden, wäre zu billig. Wir bebildern, worüber gerade gesprochen wird. Man soll nicht im Schweinsgalopp durch das Leben dieser Männer hetzen, sondern in den Gesichtern lesen können. Es geht mehr um die Geschichten, weniger um Oberflächen. Natürlich werden wir abbilden, so sahen Federbeine ganz am Anfang aus. Aber es ist kein Schulfernsehen über irgendwelche Bauteile.”

Bei der Recherche wurde en passant geklärt, warum gestreifte Rugbyhemden im Motocross so populär sind. Die Signalwirkung macht’s, gab ein italienischer Ex-Fahrer zu Protokoll: „Im Dreck sehen alle gleich aus, aber mit den breiten Streifen konnte mich meine Mutter auf dem Motorrad erkennen.“

Scheunentiere (Foto: Pascal Schmit)

In „Dirty Old Times“ steckt mittlerweile Marcs Hochzeitskasse. Dank Sponsoren-Unterstützung konnte der Dreh abgeschlossen werden. Aber für die Postproduktion setzen Marc und Crew auf Crowdfunding. Über Indiegogo kann man sich bis November 2012 an einem Film beteiligen, der die ältesten Helden einer Subkultur besingt, die gerade wieder schwer im Kommen ist. 25.000 Dollar visiert „Dirty Old Times“ an. Steve McQueens Husqvarna aus „On Any Sunday“ ist für 144.000 Dollar weggegangen – um mal zu zeigen, wo im Motocross die Latte hängt …

Jan Joswig_________________________
Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

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