TV-Kolumne
Nilz zappt (40)

Jubiläumskolumne XXL: Zur 40. Ausgabe von “Nilz zappt” widmet sich Nilz Bokelberg ausführlich seinem Lieblingsthema “Wetten, dass..?”. Wie passend, dass Lanz seinen Einstand am Samstag feierte – und Nilz nur eine Sache wirklich vermisst hat.

Markus Lanz

Der vorläufige Höhepunkt seiner Showkarriere war das allemal: Markus Lanz bei seinem ersten "Wetten, dass..?"-Auftritt (Foto: ZDF)

Schwer zu erraten, was heute das Thema dieser kleinen, feinen Kolumne sein soll, nicht wahr? Natürlich komme auch ich nicht um Markus Lanz’ “Wetten, dass..?”-Premiere herum.

Markus Lanz

Man kann es ihm nicht verübeln: Markus Lanz' Lockerheit ist anfangs nur gespielt (Foto: ZDF)

Angefangen hat mein Fernsehsamstag mit der Vorberichterstattung: Das ZDF hielt es für eine gute Idee, einen Countdown bis zur Show zu machen, eine eigene Sendung, in der Prominente über ihre Begegnung mit Markus Lanz erzählen und ein lustig gemeinter Reporter (und Daniel Hartwich-Imitator) backstage in die Garderoben reinguckt und dann immer die Augen so überrascht aufreißt, weil zum Beispiel Andrea Kiewel in der JLo-Garderobe steht und „Jenny from the Block“ singt. Dadurch, dass dann alle Interviewpartner der Sendung auch noch ausschließlich über Lanz gesprochen haben („Was ist der Markus denn für einer?“), entstand sehr schnell eher das unangenehme Gefühl eines Nachrufs, unterbrochen durch schlechte Witze. Ich hab’ mich zumindest lange nicht mehr so gefreut, dass es auch bei den öffentlich-rechtlichen Werbeblöcke gibt.

Die Werbeinsel war bei dieser Sendung wirklich erholsam. Auch das permanente Totschweigen Thomas Gottschalks machte es nicht besser: Der Sender präsentierte sich hier beleidigt – souverän geht anders. „Gut“ übrigens auch. Der Countdown hätte eher die Sendung in den Mittelpunkt stellen sollen. Wie sah „Wetten, dass..?“ aus, über die Jahre, was hat sich geändert, solche Fragen. Und wenn man dann noch lustige Menschen dazwischen hätte haben wollen, dann hätte man sich durchaus bei den Digitalablegern bedienen können. Gut, Roche und Böhmermann wären toll gewesen, sind aber vielleicht nicht mainstreamig genug. Aber Joko und Klaas wären ja wohl die perfekte Wahl gewesen. Naja. Das ZDF hat halt gedacht, sie müssten wieder auf „Hallo Robby“-Humor umschalten, weil Samstag-Vorabend. Da kann man nix machen. Einen Vorteil hatte das Ganze aber definitiv: Der „Countdown“ war derartig lahm und zahnlos und bieder – die Show musste der Kracher werden.

Dann war es endlich so weit: Eurovisionsmelodie und der leicht modernisierte Vorspann gingen los. Warum Die Toten Hosen genannt wurden, Cro aber nicht, hab’ ich nicht wirklich verstanden. Anscheinend gibt es auch als „Wetten, dass..?“-Gast Hierarchien, ich fand’s einfach ein wenig respektlos. Aber der junge Mann mit der Pandamaske hat vermutlich froh zu sein, dass er überhaupt auftreten durfte.

Cro und Markus Lanz

In diesem Bild ist kein Sido versteckt: Markus Lanz (r.) mit Rapper Cro und dessen Maske (Foto: ZDF)

Nach einem Einspieler, der Lanz zeigt wie er hektisch zum Studio eilt, mit Ralf Schumacher als Taxifahrer und so ähnlichen Gags, und den man übrigens weitaus besser hätte machen können, wenn man denn gewollt hätte, ging die Showtreppe auf und Markus Lanz betrat die Halle in einer Stadt in der Nähe von Köln (tut mir leid, ich kann den Namen nicht schreiben). Der Applaus wollte nicht abebben. Das Publikum tat sich großzügig mit seinen Vorschusslorbeeren und Markus Lanz schien wirklich gerührt, aber auch den Ablauf im Kopf zu haben. Wie man halt so wirkt, wenn man vor 30 Sekunden angefangen hat unter Höchstbeobachtung eines ganzen Landes das Samstagabend-Schlachtschiff zu übernehmen. Ich hätte nicht in seiner Haut stecken wollen. Vermutlich hätte ich totale Gesichtszuckungen bekommen. Lanz sah aus wie aus dem Ei gepellt, im schicken Dreiteiler und beim weißen Hemd die obersten Knöpfe offen.

Anscheinend wurden ihm die ersten Auflockerungsgags des Abends von den gleichen Autoren des unlustigen Countdowns zuvor geschrieben, denn die bestachen vor allem durch ihre Pointenfreiheit, was ein wenig unangenehm war, weil niemand in der Halle wirklich lachte. Und das gerade bei den ersten Moderationen! Da kam Lanz ein wenig ins Schwimmen. Er erzählte dann (angebliche) persönliche Erlebnisse und wurde ein wenig lockerer. Dann kam aber auch schon der erste Highlight-Moment des Abends, so empfand ich das zumindest. Lanz wurde etwas ernster und sagte: „Ich hab’ das hier nicht gewollt.“ Er würde jetzt auch lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen und Thomas Gottschalk dabei zusehen, wie er „Wetten, dass..?“ noch bis ins hohe Rentenalter moderiert, aber er sei nun hier und nun würde er auch das Beste daraus machen wollen. Was für Einige vielleicht wie der letzte Dolchstoss wirkte, war für mich eine ehrliche Entschuldigung und vor allem ein gutes Statement. Fand ich funkyfresh!

J-Lo, Karl Lagerfeld

Das Model und der Zar: Jennifer Lopez und Karl Lagerfeld auf "Wetten, dass..?"-Couch. Ob sie über den Markus tuscheln? (Foto: ZDF)

Dann hat man alle Neuerungen mehr oder weniger auf einmal präsentiert bekommen, denn nun kamen alle Gäste hintereinander rein, begleitet von ihren Wetten. Die Wettkandidaten wurde in eine Lounge gesetzt, die Wettpaten kamen alle zusammen auf die große Couch, die auch noch drehbar ist. Mal hat man das Publikum als Hintergrund (vergl. „Markus Lanz“), mal das „Wetten, dass..?“-Set. Für mich ist das ein bisschen bei Raab geklaut, aber gut geklaut ist ja besser als schlecht selbstausgedacht. Ich fand das eine ganz gute Spielerei und sinnvoll, weil jetzt immer die ganze Couch in Richtung des Geschehens gedreht wurde. Die Wetten kriegen die Gäste fortan also immer direkt mit, das macht schon Sinn. Außerdem wurde eine alte Spielregel aus Elstner-Zeiten wieder aufgenommen: Jeder Wettpate muss jetzt auf jede Wette wetten. Und wer richtig liegt verdient damit für „seinen“ Wettkandidaten zusätzlich 1000 Euro. Super. Die Promis müssen sich noch daran gewöhnen, denn in der ersten Sendung litten die fast alle noch unter dem Mini-Playback-Show-Syndrom, alles was Laien im Fernsehen machen als toll zu bewerten und einfach immer zu glauben, das die alles schaffen können. Das ist albern wenn immer alle „Ja“ tippen. Wird sich aber einpendeln.

Der eine pumpt, der andere schnackt: Markus Lanz und Wotan Wilke Möhring in bester "Wetten, dass..?"-Pose (Foto: ZDF)

Zur Aussenwette durfte Michael Kessler seine aus „Switch“ bekannte Jauch-Imitation geben, das war auch ganz lustig. Cindy aus Marzahn stolperte durch die Sendung als Assistentin von Lanz, was so ein bisschen uncool war, weil das ja spiegeln sollte und wenn Cindy schon als offensichtliche Anti-Hunziker eingesetzt wird, dann müsste Lanz ja auch ein Anti-Gottschalk sein. Das braucht es aber ja gar nicht. Die Fußstapfen sind groß, aber nicht überdimensioniert. Da kann man schnell reinwachsen. Dafür muss man sich nicht gegenteilig positionieren. Das schürt eher Unsicherheit. Und über schlimm-flache Witze aus der Mario Barth-Abteilung müssen wir jetzt auch nicht reden, die schlimmsten hat mein Kumpel Herm auf seinem Blog mal versammelt.

„Wetten, dass..?“ war nicht der erwartete, große Reinfall, natürlich aber auch nicht das große Spektakel. Jennifer Lopez als Superstar ist superlahm (wann hatte die jetzt hier noch mal ihren letzten Hit? Ah ja, vor 1000 Jahren…). Da war Karl Lagerfeld schon mit der beste Gast. Auf jeden Fall immer gut für ein super Bonmot („Kinder sind keine Haustiere, um Kinder muss man sich kümmern!“). Tatsächlich hatte ich das Gefühl, noch ein anderes Moderationstalent auf der Couch entdeckt zu haben: Wotan Wilke Möhring hatte so einen Spaß daran, Lanz abzulösen, als dieser auf Grund seiner „Lanz-Challenge“ (eine Art Fünf-Minuten-Schlag-den-Raab) außer Atem war. Außerdem waren die Kommentare von Möhring während „seiner“ Wette, bei der eine Frau an Hundehaaren ertastete, von welchem Hund diese seien, so unglaublich lustig, das man sich fast an alte Gottschalk-Zeiten erinnert fühlte. Ein großer Spaß! Holt den Mann in die Sendung! Der war toll!

Nilz BokelbergWas ist das Fazit aus alldem? „Wetten, dass..?“ ist nicht tot. Im Gegenteil: Die leichten Konzeptänderungen, die behutsame Studiomodernisierung, all das hat der Sendung gut getan. Lanz muss erst noch in seine Rolle reinwachsen, hat aber nicht die schlechteste Figur gemacht. Gut, „scheißegal“ und „leck mich am Arsch“ müssen, auch als Zitat, bei „Wetten, dass..?“ nicht unbedingt sein, vor allem wenn sie so scheinen, als wolle er sich damit cooler machen. Markus, das hast du doch nicht nötig. Du bist doch schon auf dem Showolymp. Und dass Lanz das letzte Drittel der Sendung ohne Sakko rumlief war gut, das gab dem so etwas Hemdsärmeliges. Hat mir auch gefallen.

Ich wollte das nicht sagen, ich war bereit das alles scheisse zu finden, aber ich muss gestehen: Der Lanz ist da auf einem guten Weg. Das kann was werden. Das war ein guter Kompromiss zwischen erneuern und treu bleiben. Ich fand die Sendung wirklich gut und freu’ mich, die jetzt weiterhin mit meiner Tochter und dem klassischen Gefühl der Samstagabendgemütlichkeit zu gucken. Nur die Gummibärchen: Können wir die nicht irgendwie zurückhaben?

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Nilz Bokelberg (35) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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  • http://twitter.com/Andi_from_HH Andi Fresse

    Ich konnte den Artikel ab “funkyfresh” nicht mehr ernst nehmen und weiterlesen.

  • http://twitter.com/Andi_from_HH Andi Fresse

    Ok, hab’s doch ganz gelesen. Der Rest war gut. ;)

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