TV-Kolumne
Nilz zappt (45)

Die Erwartungen konnte er nicht erfüllen: Nilz Bokelberg über Stefan Raabs neuen Polittalk „Absolute Mehrheit“, der, natürlich, bloß Trash und populistisches Trara war.

Lasst uns mal über Markus Lanz reden. Nee, kleiner Spaß. Natürlich gab es Sonntagabend das TV-Highlight der Woche, dem wir uns widmen wollen: Stefan Raabs neuer Polittalk „Absolute Mehrheit“.

Raab hat Mut und beschlossen, so gelangweilt von den immer gleichen Nasen mit den immer gleichen Sprüchen in den immer gleichen Sendungen zu sein, dass er das Genre der politschen Talkshow revolutionieren will. Ein guter Plan, gerade auf Pro Sieben kann man die Zuschauer wohl noch am ehesten mit Politik schocken. Deswegen allein war das schon ein gutes Ansinnen. Den Jugendlichen mal wieder etwas Politik näher bringen.

Absolute Mehrheit

Was man vorher schon wusste: Talken kann er nicht, der Stefan Raab. Daran kränkelte "Absolute Mehrheit" aber mehr noch als Raabs andere Formate. (Bild: Pro7)

Das Konzept der Show ist dabei wie folgt: Mehrer Politiker und ein „normaler Mensch“ setzen sich zusammen und diskutieren diverse Themenblöcke. In der Premierensendung waren das zum Beispiel Steuergerechtigkeit, Atomausstieg und soziale Netzwerke. Während die Teilnehmer diskutieren können die Leute zu Hause anrufen und abstimmen, wen sie am besten oder am vertrauenswürdigsten finden. Am Ende eines jeden Themas wird dann geguckt, wie sich die Anrufer verteilen. Der jeweils Letzte scheidet dann aus dem Ranking aus, darf aber noch weiterhin mitdiskutieren. Am Ende bleben zwei übrig und wenn einer von denen im Telefonvoting eine absolute Mehrheit, also über 50 Prozent der Anrufer, auf sich vereint, hat er die 100.000 Euro Preisgeld gewonnen. Wenn nicht, so wie gestern, wandert das Geld in den Jackpot für die nächste Sendung.

Im Vorfeld der Sendung gab es ein großes Trara, dass dies ja wohl der Ausverkauf von Meinungen sei. Ich hab’ das nie so richtig verstanden, denn im Voting würde es sicherlich niemand honorieren, wenn jemand mitten in der Sendung seine Meinung wechselt, eher im Gegenteil. Insofern: Kein Meinungsausverkauf in Sicht. Und die bewundernswerte Chuzpe von Raab, es einfach zu machen, ist auch immer wieder Applaus wert. Ohne Raabs Ideenreichtum wäre das deutsche Fernsehen bei weitem nicht, was es heute ist. Aber: Mit dieser Sendung hat er sich keinen Gefallen getan.

Der größte Kritikpunkt an “TV Total” ist ja immer wieder: die Talks. Raab interessiert sich erst für seine Gäste, wenn sie vor ihm sitzen und auch dann nur, um Sendezeit rumzukriegen. Das nervt manchmal, ist in anderen Fällen aber auch ein ganz lustiger Spiegel, denn die Gäste sind ja oft genug nur Leute, die ihren Promo-Sermon loswerden wollen, was grundsätzlich auch nicht viel informativer ist. Politiker allerdings sind da ein anderes Kaliber. Wenn man sich auf die nicht vorbereitet, lässt man sich zu schnell die Zügel aus der Hand nehmen, weil man dann eh kein Gespräch „führen“ kann. Diese auf Rhetorik gebügelten Leute überrennen einen dann und nehmen das Ruder in die Hand. So geschehen bei „Absolute Mehrheit“: Raab lümmelt auf seinem Sessel, betont locker, stellt eine Frage und wartet dann nur noch Situationen ab, in denen er verzweifelt schale Gags bringt, die dazu auch noch recht zweifelhafter Natur sind („Da fallen dem Rösler bestimmt die Stäbchen aus der Hand!“). Das muss ja irgendwie nicht sein. Als er den Linken-Politiker van Aken fragt, wieso seine Partei denn eigentlich nicht von mehr Menschen gewählt würde, wenn ihnen doch soziale Gerechtigkeit so wichtig sei, aber dann drei oder vier Mal erwähnen muss, das doch wohl viele Ossis die Sendung gucken würden, weil van Aken im Voting auf den zweiten Platz gekommen ist, dann fragt man sich, wieso man als Zuschauer eigentlich zuhören sollte, wenn der Moderator nicht mal sich selber zuhört.

Die lustig gemeinten Einspieler, die in aufgeregter Weise den jeweils nächsten Themenblock einleiten sollten, sahen zwar nett aus, aber waren inhaltlich so dämlich, als ob die “Praline” eine Politikseite verfasst hätte: eine Off-Sprecherin, die sinnlos Sätze schrie oder nicht, dazu sehr tendenziöse Erklärungen. Man war sich nicht sicher ob die Sendung nun ein Polittalk oder ein „So sieht Stefan Raab die Politik“ sein sollte.

Nilz BokelbergPeter Limbourg, Sat1-Newsanchor, saß als eine Art Schiedsrichter an einem Tisch mit zwei iPads und durfte nach jeder Runde seine Einschätzung geben, die ein bisschen zu sehr nach „Wes Brot ich ess…“ klang, weil er ausnahmslos jedes Mal Raab bescheinigte, wie gut er seine Sache doch mache. Andererseits: Wer würde vom Sat1-Newsanchor auch fundierte, politische Kritik erwarten?

Am Ende hat Kubicki von der FDP zwar gewonnen, aber nicht die absolute Mehrheit erreicht. Dennoch waren alle irgendwie glücklich. Raab schien froh zu sein, es offenbar komplett unvorbereitet durch die Sendung geschafft zu haben, Kubicki freute sich, dass die FDP mal wieder irgendwo irgendwas gewonnen hat und die Unternehmerin/Bürgerin hat in Kubicki anscheinend ihre große Liebe gefunden.

Nur der Zuschauer, der blieb irgendwie ratlos zurück.

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Nilz Bokelberg (36) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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