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Netzkolumne Aufreger #1: Ständig Smartphone checken
von Peter Wittkamp am 20. November 2012
Internet, die Anderen und der ganze Kram: An dieser Stelle schreibt unser neuer Kolumnist Peter (Hi, Peter!) fortan regelmäßig auf, was ihn am Netz, dessen Produkten und den Protagonisten nicht gefällt. Er muss es wissen, er ist einer von ihnen, also uns. Der Auftakt geht raus an alle Handychecker. ![]() Allein unter Freunden: Unser neuer Kolumnist Peter (@diktator) regt sich über Smartphones auf. Zumindest ein bisschen. (Illustration: Johannes Kretzschmar) Gegen Smartphones ist nichts einzuwenden. Na ja … doch. Der Streit Android vs. Apple, also darum, was denn nun das feinste Gerät oder Betriebssystem sei, scheint mir ein wenig unsinnig. Ich weiß nicht genau, welche Fragen man sich am Ende seines Lebens stellt, aber “Hatte ich stets das beste Smartphone?” rangiert wahrscheinlich irgendwo zwischen “Habe ich stets genügend Laub geblasen?” und “Was ist noch mal die kleinste Primzahl?”. Apropos Laufzeit: Auch die ist natürlich ein Witz. Etwas Musik hören, ein bisschen im Netz surfen und ein Stündchen Angry Birds – oder wie das iPhone dazu sagt: “Eine Akkuladung voll Spaß”. Mein erstes Handy von Nokia hingegen habe ich retrospektiv “Nena” genannt: Konnte nicht viel, hielt aber beachtlich lange durch. Zudem bin ich über die Größe mancher Smartphones erstaunt. Besitzer des Modells „Galaxy Note“ werden zur Strandsaison ihre große Stunde haben, denn sie tragen immer auch eine kleine Luftmatratze mit sich herum. Taschenkompatibel ist das nicht mehr. Jeansindustrie oder Samsung: Einer von euch beiden muss sich bewegen! Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem größten Ärgernis, das uns die Geräte brachten: Ständiges. Checken. Des. Handys. Während. Eines. Gesprächs. In der Kneipe, im Restaurant, beim Spaziergang … überall. Und immer. Und nicht nur da. “And then we’ll do it doggy style so we can both download that file” würde die Bloodhound Gang heute singen, hätten sie sich seit 1999 nicht ähnlich entwickelt wie Nokia. Dabei kann ich den Drang, schnell etwas im Netz zu recherchieren, kurz einen Tweet zu senden oder mal fix zu schauen, was die Like-Ernte auf Facebook so macht, durchaus nachvollziehen. Ich habe ihm selbst oft genug nachgegeben. Aber es ist ein Drang, dem widerstanden werden muss. Denn das Zücken des Smartphones während man mit anderen Personen zusammen ist, sagt vor allem eins: WAS IM INTERNET GESCHIEHT, IST GERADE INTERESSANTER ALS DU.Das mag sogar oft genug zutreffen, aber es ist eine Form von Höflichkeit, dem Gegenüber nicht allzu direkt bewusst zu machen, dass sein aktuelles, reales und schon zwanzig Minuten andauerndes Status-Update über die dritte Trennung von Julia eher kein „Gefällt mir“ erhält. Dass es sich nicht ziemt, während einer Konversation mal schnell Spiegel Online aufzurufen, lässt sich auch daran erahnen, dass es vergleichbare Ablenkungen in wenigen Bereichen des Lebens gibt. Zum Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern wird selten ein guter Schmöker eingepackt, falls der Vater nach dem Aperitif nichts Spannendes mehr zu berichten hat. Ebenso nehmen überraschend wenig Menschen eine Playstation Portable mit ins Meeting, falls der Geschäftsbericht sich wieder ein wenig zieht. Nur bei Smartphones wird solch ein Verhalten toleriert. Noch! Dabei ist die Zurückweisung des Gesprächspartners durch den Griff zum Handy umso verletzender, je banaler jenes ist, was mal “fix im Internet nachgeschaut” werden muss. So kann der Leitsatz „Was im Internet geschieht, ist gerade interessanter als du“ in „Je trivialer mein Ausflug ins mobile Netz, desto uninteressanter bist du für mich“ transformiert werden. Eine just in dem Moment ablaufende ebay-Auktion zugunsten behinderter Waisenkinder würde ich ab der Auktionsumme “gehobener Mittelklassewagen” noch als einigermaßen vertretbaren Grund gelten lassen. Jemand, der eine Unterhaltung mit mir unterbricht, weil irgendetwas auf Facebook passiert ist, muss hingegen schon als gemeiner Geselle gelten, den ich so schnell nicht mehr mit dem emotionalen Zuckerguss, den wir Zuneigung nennen, glasieren werde. Richtig schlimm aber ist es, wegen eines schnellen Blicks auf Instagram unterbrochen zu werden. “Mein Gesprächspartner mag Retrobilder von Katzen und bescheuertem Essen lieber als meine Worte” könnte sich die Selbsthilfegruppe der Menschen nennen, die derart verletzt wurden. Es gibt aber noch eine Steigerung. Den allerschlimmsten Grund. Danach kommt wirklich nichts mehr. Die ultimative Entwertung des Gegenübers: “Lass uns gleich weiterreden, ich checke nur noch schnell meine geschäftlichen Mails”. So werden Menschen gebrochen. _________________ Peter Wittkamp sitzt gerne mit Drink und Zigarette in Berliner Bars und sinniert über das Leben und das Internet. Im Leben denkt er in einer Werbeagentur, im Internet ist er als @diktator berühmt und berüchtigt. Sein erstes Buch über die Welt der Listen erscheint 2013, seine kleine Netzkolumne “Aufreger – Was mich im Netz nervt” fortan regelmäßig hier und im Wechsel mit Frédéric Valin. *** Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters. Ähnliche Artikel Ist die Zeit der Suchmaschinen etwa vorbei? Sind sie schlicht zu gut? Suchkumpel statt… Eine Shoppingtour unseres Motorradmanns Jan Joswig endete mit einer unerwarteten Entdeckung: Im… Charles Bukowski, Blutblasen im Ohr und Vögel unter Maos… Jan Joswig nimmt in seiner Kolumne den ehemaligen italienischen Motorradhersteller Laverda ins… Netzkolumnist Frédéric Valin möchte der Sprachkritik im Internet kein Forum bieten. Den… Ähnliche Galerien Keine passenden Galerien gefunden
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