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Netzkolumne Aufreger #2: Vertabungspotential
von Frédéric Valin am 27. November 2012
Nach dem letztwöchigen Auftakt zu unserer neuen Netzkolumne “Aufreger – Was mich am Netz nervt” übernimmt diese Woche Frédéric Valin die Tastenführung von Peter Wittkamp. Wie er das zwischen all den Ablenkungen im Internet und einem Produktivitätsseminar geschafft hat, bleibt wohl vorerst sein Berufsgeheimnis. Das Zweitschlimmste am Internet ist sein Verzettelungspotential, wobei verzetteln vielleicht nicht das richtige Wort ist. Man hat ja keine Zettel mehr daliegen, nur noch dutzende Tabs offen, in der Regel deutlich mehr als Gehirnzellen in Betrieb. Sagen wir also lieber: Vertabungspotential, was gerade dann besonders ärgerlich ist, wenn man freiberuflich sein Geld zu verdienen versucht. Kaum hat man einen Browser vor der Nase, gibt’s in fünf Minuten mehr zu tun als in einem Jahr DDR, allerdings sieht das mit der Produktivität dann ähnlich aus. Du musst, hat man mir gesagt, damit umzugehen lernen, befrag’ doch mal einen Experten dazu.
![]() Das Internet, ein Zeit- und Seelenfischer, oder: Der Frédéric und seine Sirene. (Illustration: Johannes Kretzschmar) Ich war dann auf einem Seminar, bei irgendeiner dieser Konferenzen, die alle englische Namen haben, damit man sie nicht auseinanderhalten kann. Internet time wasters heißt die Veranstaltung, vorne steht eine junge Kanadierin, das ist die Dozentin. Und die erzählt, wie toll sie ihr Leben findet. Ihre Arbeit, erzählt sie, fühlt sich überhaupt nicht wie Arbeit an, weil sie es mit Liebe und Leidenschaft macht und das genau ihr Traum sei, genau das zu machen, was sie jetzt genau in diesem Moment macht. Passion, sagt sie, love und inspiration, ununterbrochen geht das so. Das ist die Aussöhnung des Lebensgefühlvokabulars der 70er mit der Arbeitsmoral der 80er im Indie-Look der 90er und das Letzte von heute. Was für eine Achterbahnfahrt durch die Jahrzehnte, kein Wunder ist mir übel. Es wird reihum gefragt, wie viele Mails man so am Tag bekommt. Die Leute, die als erstes antworten müssen, sehen aus wie mein Opa beim Skat-Spielen: Zu viel darf man auf keinen Fall ansagen, sonst überreizt man, aber zu wenig ist auch schlecht, dann gibt’s keine Punkte. So 50, sagt der erste, der andere sagt „vielleicht hundert“ und hat dabei diesen Gesichtsausdruck aufgesetzt, der leidend aussehen soll, und doch flackert eine Selbstgefälligkeit durch seine Miene, die bemitleidenswerter ist. Mein Nebensitzer will wissen, wieviel sie so arbeitet, die Kanadierin. Er trägt eine Hornbrille und Jutetasche, außerdem ein T-Shirt mit Bud Spencer vorne drauf. Wenn er eine Comicfigur wäre, würde er Ironicman heißen. Sie guckt ganz aufgeschlossen und sagt dann, “kommt drauf an, zwischen zwölf Stunden und vierzehn Stunden am Tag”. Und wie das bei ihm so sei? Der mit der Hornbrille sagt, er sei festangestellt, betretenes Schweigen überall, man räuspert sich. Unsicher schaut er in die Runde und versucht zu lächeln. Aber seine Freundin, sagt er dann, arbeite siebzehn Stunden am Tag, als Freiberuflerin. Was die wohl macht, fragt einer, ob sie vielleicht Probandin im Schlaflabor ist. Keiner lacht. Stattdessen fragt die Kanadierin mich, wie viel ich denn so arbeite, und ich sage: “Wahrscheinlich acht Stunden täglich, aber lieber wären mir vier.” Ob mir denn nicht gefalle, was ich so mache, fragt die Kanadierin besorgt. “Doch, sehr”, antworte ich. “Aber wissen Sie, was der große Philosoph Harald Juhnke auf die Frage geantwortet habe, was Glück sei? Er sagte: Leicht einen sitzen und keine Termine.” Keiner nickt. Der links neben mir schaut betreten auf sein iPhone. Die Kanadierin teilt Stundenpläne aus, da sollen wir eintragen, wieviel Zeit am Tag wir online verbringen, und mit was. Der neben mir schreibt: 06:00 bis 12:00 Uhr Quatsch, 13:00 bis 22:00 Uhr Kram. Dann kichert er. Selbstironie, dieses Methadon für Leute, die keinen Humor haben. Kurze Pause, draußen stehen die Raucher. Sie reden über ihre Projekte, sie tauschen Worte wie Visitenkarten, sie sind alle sehr erfolgreich. Das sind hier alles Wikipedia-Seiten, und ich bin Spider Solitär. Sie reden über Tools, die ihnen die Arbeit erleichtern, sie sehen sehr vornehm aus mit ihren Augenringen, ihre Smartphones tragen sie, wie ihre Vorfahren Taschenuhren trugen. Als ich gehe, bin ich überrascht, dass mir zum Abschied niemand mit dem Taschentuch hinterherwinkt.
______________________________ Frédéric Valin schreibt Texte aller Art. Er ist Gründer der zweiwöchigen Lesebühne Read on, my dear. Sein erstes Buch “Randgruppenmitglied” erschien im Verbrecher Verlag, das zweite folgt irgendwann 2013. Er twittert selten, aber wenn doch, dann meistens Unfug. Auf BRASH.de schreibt er fortan im Wechsel mit Peter Wittkamp über das Internet und was es mit einem macht. *** Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters. Ähnliche Artikel Ach, das erste Moped! Jan Joswig kramt diesmal in den Rappelkisten-Erinnerungen von Menschen.… Kaum schreibt Frédéric Valin keinen Netzaufreger mehr, regt er sich auf. Diesmal über die… Borussia Dortmund hatte ein großes letztes Ziel in dieser Bundesliga-Saison: Die TSG Hoffenheim… Cascada for last! Nilz Bokelberg erhofft sich für Deutschland eine pädagogisch wertvolle… Martin Freund begibt sich auf die Spuren von King Henry VIII. und seiner Vielweiberei. Mit dabei… Kannst du bitte mal nach dem Rechten sehen? Das schaffst du doch mit links! Frédéric Valin… Ähnliche Galerien Keine passenden Galerien gefunden
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