Netzkolumne
Aufreger #4: Shitstorms

Von Smartphones über Seminare und Smileys bis zum Shitstorm: In seiner zweiten Netzkolumne widmet sich Frédéric Valin heute einem Internet-Phänomen, das im Kleinen ja auch offline existiert.

Ich habe ein Pferdegebiss. Und meine Zähne sind auch nicht sehr hell, dafür rauche ich schlicht zu gerne. Sagen wir so: meine Zahnärztin hatte bereits den Verdacht, dass die Nazis das Bernsteinzimmer in meinem Mundraum versteckt hätten. Ich halte das nicht für ausgeschlossen.

Ich bin wegen meines Grinsens als Kind oft gehänselt worden, denn ich bin im westlichen Allgäu aufgewachsen, die Menschen dort haben wenig Empathie. Freunde, die sich seit Jahren nicht gesehen haben, begrüßen sich in Bahnhofshallen als erstes mit einem herzlichen „Ey, Du Wichser!“, statt einem Handschlag gibt’s ein paar auf’s Maul. „Gefühle“, das ist ein Wort, das auf Kondompackungen steht. Die sprichwörtliche Berliner Unfreundlichkeit verblasst zu einem Flauschsturm, ich habe Rheinländer auf Durchreise weinend aus Autobahnraststätten kommen sehen, nachdem sie versucht haben, beim Kaugummikauf ein wenig Smalltalk zu betreiben.

Shitstorm (Symbolbild), von Beetlebum / Johannes Kretzschmar

Ein aufziehender Shitstorm (Symbolbild). Jojo nimmt für diese Grafik einen selbigen gerne in Kauf, sagt er. Und die Ähnlichkeit zwischen der Wolke und seiner Frisur ist ja nun wirklich nicht zu übersehen. (Illustration: Johannes Kretzschmar)

Seit es das Internet gibt, beklagt man sich in allen vier Himmelsrichtungen darüber, dass der Umgangston so rüde ist und die Herzen so kalt. Um das wilde, ungezähmte, anarchische Moment einzudämmen, hat man bereits in Usenet-Zeiten Internetgesetze aufgestellt, Netiquetten-Handbücher wurden verfasst, alle zwei Monate klang die Blogosphäre wie die Benimmbuchabteilung in einer katholischen Mädchenpensionatsbibliothek. Selbst Sascha Lobo beklagt die rauen Sitten, das ist ungefähr so, als würde Charlie Sheen für Frauenrechte eintreten. Man fragt sich, ob er seit kurzem Seroxat nimmt.

Seit Jahren also der Versuch der widerborstigen Zähmung, und mit welchem Ergebnis? Halten Kommentatoren vor ihrem Bildschirm Teetassenhenkel nur noch zwischen zwei Fingern, tragen, während sie ihre Anmerkungen unter den Artikel tippen, nur noch Glacéhandschuhe und waschen sich die Augen mit Salzlauge aus, wenn sie ein böses Wort lesen müssen?

Bien au contraire! Man wird niemals verhindern können, dass irgendein Horst mit drei Schnaps zu viel in der Birne einen Affe nennt, woraufhin zwei dutzend Indignierte beginnen, ihn ihrerseits in bestem Tresendeutsch zurückzubeleidigen. Warum aber ist es so, wie Sascha Lobo schreibt, dass ebenso „für die Einzelperson ein Hass-Tweet tausend freundliche“ aufwiegt?

Der Bildschirm ist ein doppelter Spiegel des Narziss. So, wie der Leser hineinsieht, um seine Meinung wiederzufinden, in der bestmöglichen Formulierung natürlich, und pampig reagiert, wenn etwas auftaucht, was einem nicht behagt, so will derjenige, der dort eine Meinung oder auch nur Haltung kundtut, Applaus oder mindestens Verständnis. Der Mythos besagt, dass sich das Echo in ihn verliebt, das ist die Mutter von Fav, Like, Retweet. Er liebt sie nicht, er muss sie wieder und wieder herausfordern, und egal, wie sehr sie ihn reproduziert, nie wird sie ihn zufriedenstellen können.

Man kann über die Bewohner des Westallgäus viel Hämisches sagen, aber sie haben eine bewundernswerte Einstellung zu Lob und Kritik. Frage ich meinen ehemaligen Deutschlehrer, was er von meinem ersten Buch hielt, sagt er: scho recht. Das heißt so viel wie: hat mir gefallen. Sage ich ihm, dass ich die nicht sehr schmeichelhafte Rezension in der Lokalzeitung niederschmetternd fand, sagt er: jo mei.

Frédéric ValinDiese beinah buddhistische Gelassenheit gegenüber der Zumutung, die andere Meinungen sind, hilft einem sehr, wenn man Widerworte bekommt. Nimm ernst, was du tust. Aber nicht, was du repräsentierst. Ich habe gelbe Zähne? Jo, mei. Ich verdiene Geld damit, indem ich darüber Witze mache? Scho recht.

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Frédéric Valin schreibt Texte aller Art. Er ist Gründer der zweiwöchigen Lesebühne Read on, my dear. Sein erstes Buch “Randgruppenmitglied” erschien im Verbrecher Verlag, das zweite folgt irgendwann 2013. Er twittert selten, aber wenn doch, dann meistens Unfug. Auf BRASH.de schreibt er fortan im Wechsel mit Peter Wittkamp über das Internet und was es mit einem macht.

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Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters.

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