Netzkolumne "Aufreger"
Aufreger #5: Internet-Dating

Heute widmet sich unser Kolumnist Peter den Tücken der Online-Partnerfindung. Woher dieser charmante Tausendsassa (Chiffre: 001-BRASH-@-diktator) all das weiß? “Von einem Bekannten”, wie er vorab per Mail verriet.

Gegen Internet-Dating ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Klicken statt Blicken – das ist ja zunächst mal deutlich einfacher als im “echten Leben”. So muss der Vater der Auserwählten nicht umständlich um Erlaubnis gefragt werden, bevor nach einem ersten gemeinsamen Waldspaziergang zarte Bande beim Waffelessen geknüpft werden können.

“Schau nur, Spatzl, du hast ein wenig Schlagobers am Kinn.”

“Huch!”

“Na warte, ich bussel sie dir weg!”

Sie merken, ich scherze. Nur Grobiane busseln beim ersten Treffen.

In Wirklichkeit müssen während so einiger Ausflüge in die Welt der Wälder und Waffeln  mühsam Interessen und Gemeinsamkeiten abgeglichen werden, bevor sich der Holden zarte Wangen nach einem ersten Küsschen sehnen.

Im schlimmsten Fall stellt sich erst nach dem siebten Spaziergang heraus, dass die Liebste eigentlich gar keine Waffeln mag und lieber Cupcakes naschen würde. Sie aber verachten Cupcakes als kalorienreichste Infantilität seit der Benjamin Blümchen-Geburtstagstorte – schon ist alles aus und der nächste Vater muss um Erlaubnis gefragt werden. Und woher jetzt schon wieder einen generösen Vater auftreiben? Ach, es ist mühsam!

Internet-Dating-Algorithmen von Beetlebum

Internet-Dating-Seiten erleichtern die sonst analogen Balzrituale theoretisch enorm. Praktisch weiß man nicht, wer sich dort warum welche Matching-Fragen ausdenkt. (Illustration: Johannes Kretzschmar)

Dann doch lieber Datingseiten. Einfach nur kurz angeben, wen man so ungefähr lieben könnte, schon spuckt die Datenbank Prozentzahlen aus. Nur Sportwetten sind einfacher.

Angenommen, ich würde auf folgende Frauen stehen:

  • über 1,75 m groß
  • mindestens zehn Jahre jünger als meine Mutter
  • blond, Leberfleck über den nicht zu schmalen Lippen, ein paar Sommersprossen, ansprechende Ellenbogen
  • Aussehen ansonsten egal
  • sagt ständig Dinge, für die man sie küssen möchte
  • verachtet Cupcakes
  • liebt Waffeln
  • ähnliche Hobbies (Naturdokumentationen, Essen einfrieren, ausschlafen, Schaumbäder)
  • legt Wert auf ansprechende Schuhe und trägt keine Ballerinas
  • hat als Lebensmotto weder “Carpe Diem” noch “Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitergehen” angegeben

Die Maschinen würden ein wenig rattern und mir flugs die 15 besten Treffer in meiner Straße ausgeben.

Der Rest wäre einfach: Naturdokumentation ausschalten, kurz im Cyberspace chatten, in einer Bar treffen, ein Kompliment über den Leberfleck, ein wenig über Waffeln schwärmen, Heirat, Kinder, eines dieser Paare werden, die auch im hohen Alter noch öffentlich Händchen halten und sich beim Italiener niemals angeschwiegen haben.

Aber Pustekuchen! Mein Weg zum eigentlich doch so nahen Glück scheitert schon an der Pforte. Denn dort muss ich bei einer Art digitalem Vater einen Persönlichkeitstest absolvieren. Im Grunde kein Problem: Persönlichkeit und Tests – liegt mir als charismatisches Cleverle beides! Nur ist die richtige Antwort nie dabei. Stattdessen muss ich Realitätsfernes wie das hier beantworten:

Wie reagieren Sie auf Liebeskummer?

- Ich verliere die Freude am Essen.

- Ich esse mehr.

- Weder noch.

Die frühesten Nachweise für Bier gab es im alten Mesopotamien, die erste Aufzeichnung einer lizensierten Whiskey-Brennerei stammt aus dem Jahr 1608. Zeit genug, diese Frage zu überarbeiten, Parship!

Wie muss ein Wohnraum temperiert sein, damit Sie sich richtig wohlfühlen?

- Gut warm (21°C oder etwas mehr).

- Eher kühl (19°C oder etwas weniger).

“Woran ist eure Beziehung gescheitert?”

“21 Grad in ihrem Wohnraum, 2 Grad über meiner Wohlfühltemperatur!”

“Mist!”

“Ja. War aber auch mein Fehler. Ich habe ständig auf den mir doch so angenehmen 19 Grad beharrt – das war irgendwann zu viel für sie. Ihr fröstelte es ja auch immer so leicht.“

„Schade, aber so ist es: Unterschiedliche Temperierung kann die größten Lieben zerstören. Erinner’ dich nur mal an Jack und Rose am Ende von “Titanic” …!

Erneut haben Sie mich bei einem Scherz erwischt, liebe Leser. Mein voller Ernst hingegen ist die Forderung nach realistischen Fragen in den Persönlichkeitstests von Datingportalen. Zum Beispiel eine solche:

“Sie wachen an einem Winternachmittag langsam auf. Statt “nur auf ein kurzes Getränk” sind Sie und Ihr Partner bis morgens halb sieben versackt. Im Taxi haben Sie Ihr Handy vergessen und wenn Sie es nicht schaffen, in ungefähr zehn Minuten aufzustehen, zu Duschen und das Haus zu verlassen, werden Sie heute kein Tageslicht mehr sehen.

Kurzum, die Stimmung ist schlecht und obwohl Sie jemanden neben sich liegen haben, mit dem Sie das Wort Liebe buchstabieren könnten, naht die Katermelancholie. Wie reagiert Ihr Gegenüber nun am besten?”

a) Dieses Szenario passt eher nicht zu meiner Lebenswelt.

b) “Liebe buchstabieren”? Das kommt in meinem Lieblingssong auch vor.

c) In zehn Minuten aufzustehen, Duschen und das Haus verlassen. Kann man doch mal versuchen!

d) Ihr Partner verlässt das mollige Bett für einen kurzen Ausflug zum Kühlschrank, kehrt mit zwei Bier zurück, öffnet beide mit einem Feuerzeug und bietet Ihnen eines davon mit dem Satz “Wo waren wir nochmal stehen geblieben?” an.

e) Ihr Partner schlägt vor, in Jogginghosen zu schlüpfen, Pizza zu bestellen und “Game of Thrones” zu schauen. Danach vielleicht ein paar Waffeln.

f) Ihr Partner schlägt vor, in Jogginghosen zu schlüpfen – und zu joggen. Später „zur Belohnung“ noch in dieses süße Café mit den hervorragenden Cupcakes.

Ich bin mir relativ sicher, die vier bis fünf Grundtypen an Menschen, die es maximal gibt, wären schon mit dieser einer Frage hinreichend identifiziert.

Peter Wittkamp_________________

Peter Wittkamp sitzt gerne mit Drink und Zigarette in Berliner Bars und sinniert über das Leben und das Internet. Im Leben denkt er in einer Werbeagentur, im Internet ist er als @diktator berühmt und berüchtigt. Sein erstes Buch über die Welt der Listen erscheint 2013, seine kleine Netzkolumne “Aufreger – Was mich im Netz nervt” fortan regelmäßig hier und im Wechsel mit Frédéric Valin.

***

Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters.

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  • Clemens

    Gibt es fu00fcr die Aufreger-Kolumne die Mu00f6glichkeit, sie separat als Feed zu abonnieren? Fand ich nu00e4mlich gut, die Gedanken vom Diktator.

  • http://twitter.com/brash_de BRASH Deutschland

    Folge ihm doch einfach auf Twitter, da gibt es regelmu00e4u00dfig noch viele andere gute Gedanken frei Haus!

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