TV-Kolumne
Nilz zappt (51)

Keine „Schöne Bescherung“, kein „Kevin allein zu Haus“, nicht mal den „Polarexpress“: Nilz hat während der Weihnachtstage das Fernsehprogramm weitgehend ignoriert. Weil er ein paar gute alte Serien und Traditionen vermisst.

Hach, Weihnachten ist vorbei. Und bis auf die Momente, in denen ich mein Weihnachtsgeschenk in den DVD-Player schob (die Box mit allen „Otto“-Filmen), hab’ ich den Fernseher eigentlich auch aus gelassen. Einerseits gab es wirklich keinen Impuls, doch jetzt mal ein wenig fern zu sehen, andererseits liegt das auch daran, dass ich mich an bessere Fernsehzeiten zu Weihnachten zurückerinnere. Oder anders gesagt: Wer zum Teufel hat eigentlich beschlossen die Weihnachtsmehrteiler abzusetzen?

Diese schöne ZDF-Tradition aus den achtziger Jahren, die uns so großartige Kollektiverinnerungen wie „Patrick Pacard“ oder „Silas“ beschert hat, warum gibt es die nicht mehr? Überschaubare Mini-Serien, mit originellen Geschichten, die einem die Feiertage versüßt haben. Zum Beispiel „Timm Thaler“ oder „Jack Holborn“. Warum gibt es nicht noch einmal so einen magischen Moment wie bei „Anna“?

Patrick Bach und Silvia Seidel, "Anna", Imago

Kinderstars, an die Nilz sich gerne erinnert: "Silas"-, "Jack Holborn"- und "Anna"-Schauspieler Patrick Bach 1988 neben "Anna" Silvia Seidel. Dass die wiederum mit soviel Nostalgie leider nicht umgehen konnte, ist eine andere und tragischere Geschichte. (Foto: Imago)

Nun ist das ja so eine Sache mit der Nostalgie. Ich erinnere mich gerne an diese Serien zurück, an dieses Zelebrieren des Fernsehens mit der ganzen Familie. Und damit ich da auch ja nichts verwechsle, aus lauter verklärtem Rückblicken, habe ich noch mal den Wikipedia-Artikel über „Weihnachtsserien“ gecheckt. Aber, oh weh, wie wird mir da?

Da steht, dass die Serien eingestellt wurden, weil sie durchs Privatfernsehen zu große Konkurrenz bekommen haben. Vielleicht aber gibt es auch noch einen anderen Grund. Vielleicht waren ja „Nonni und Manni“, „Laura und Luis“ oder „Ron und Tanja“ einfach, nun ja, Stuss? Während die erste Hälfte der Zeit der Feiertagsmehrteiler sich noch durch eine gewisse Fantasiereichhaltigkeit und Lust am Erzählen auszeichnet, kam in der Zeit nach „Anna“ der große Bruch und es wurde versucht möglichst realistische und/oder historisch korrekte Geschichten zu erzählen. Auf der einen Seite also ein Junge, der sein Lachen an den Teufel verkauft oder ein anderer Junge, der eine Schatzkarte auf seine Ferse tätowiert hat. Auf der anderen Seite Ostpreußen, Reiterhof oder Island im 19. Jahrhundert. Und da hat sich der Sender über den Untergang der Serien gewundert und neue „Sehgewohnheiten“ durchs Privatfernsehen beklagt? Ernsthaft? Was würde man wohl auf Anhieb lieber sehen? Das hat sich da wohl nie jemand gefragt.

Die große Magie der Weihnachtsmehrteiler war eigentlich ganz einfach: Die haben immer in Welten stattgefunden, die gerade noch so realistisch hätten sein können. Natürlich ist „Lachen verkaufen“ Quatsch, aber metaphorisch funktioniert das ja, das war selbst Kindern beim Gucken klar. Eine Karriere wie „Anna“ sie gemacht hat, gibt es natürlich auch nicht, aber das war ja vollkommen egal. Das hatte alles Fantasie und ehrliche Begeisterung. Und plötzlich fangen die an, die Serien als erweiterten Geschichts-Unterricht zu sehen. Weil das ja auch exakt das ist, was man als Heranwachsender über die Feiertage im TV sehen will: lehrreiche Fernsehserien. Da darf man sich nicht wundern, das wir lieber die „Hulk“-Serie geguckt haben oder den LiLaLaunebär mit Metty. Wen wollten die eigentlich verarschen?

Nilz BokelbergJa, ich vermisse die Weihnachtsserien und ja, ich finde die sollten zurückkehren. Aber ich finde auch, dass sie dann richtig gemacht werden müssen. Denn den Niedergang dieser doch eigentlich sehr schönen und drolligen Festtagstradition haben sich die Verantwortlichen alle selber auf die Fahne zu schreiben und nicht den Zuschauern in die Schuhe zu schieben. Es gibt diesen vermeintlichen Gag unter Fernsehleuten, wenn eine neue Sendung nicht genug Quote eingefahren hat, der lautet: „Der Zuschauer hat versagt“.  Ich denke, in diesem Fall kann man die Quelle des Versagen sehr eindeutig auf der anderen Seite des Bildschirms ausmachen. Strengt Euch mal an, wir wollen endlich wieder ein schönes Weihnachten!

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Nilz Bokelberg (36) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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