Netzkolumne
Aufreger #6: Süße Kätzchen

In seiner dritten Kolumne rechnet Frédéric Valin ab. Mit Katzencontent im Internet, mit Niedlichkeit im Allgemeinen und mit den Wünschen seiner Freundin.

Die Frau will jetzt eine Katze haben. Sie war zwei Wochen lang krank, und jetzt will sie eine Katze haben. Weil sie zwei Wochen lang auf dem Sofa saß und YouTube-Videos geschaut hat. Wenn man zwei Wochen lang auf dem Sofa sitzt und YouTube schaut, muss man mindestens 72 Stunden baby kitten-Videos gesehen haben, sonst wird man aus dem Internet ausgesperrt. Das ist eines von diesen Gesetzen, das der alte Mann, der in meinem Körper wohnt, nicht versteht. Vor allem nicht, seit die Frau jetzt auch so ein Wollknäuel haben will. Am liebsten eins, das “awwww” macht. Auch dann, wenn man sich draufsetzt.

Und warum? Weil es so niedlich ist. So tapsig! Und doof manchmal. Was für Geräusche sie machen! Und wie plüschig sie sind! Wie Babys, nur besser.

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Sehr süßes Kätzchen im Internet. Von hinten, innen und außen. Vielleicht auch von vorne. (Illustration: Johannes Kretzschmar)

Nichts ist langweiliger als Niedlichkeit. Ein süßes Vieh ist süß und sonst nichts. Man kann es ansehen und ein wenig daran herumflauschen und sonst nichts. Niedlichkeit ist Sprachlosigkeit, mit ihr kann man nicht kommunizieren, man kann sich ihr nur unterwerfen. Warum hat Hello Kitty, dieser moderne Glasdelfin, wohl keinen Mund? Weil es die Fresse zu halten hat.

Dabei hätte es ziemlich viel zu erzählen. Wo es herkommt zum Beispiel, das Vieh wird ja sicher nicht von Glücksbärchis ausgeschissen. Oder aber auch wie das alles endet.

Man muss immer ein wenig suchen, um die interessanten Geschichten hinter der Niedlichkeit zu finden. Golden Retriever zum Beispiel, ältere Mitbürger und die drei Zuschauer von einsfestival entsinnen sich vielleicht, waren mal das süßeste Wesen, das einem über den Bildschirm huschen konnte. Die sind so niedlich! Plötzlich will jede Familie einen haben. Die Nachfrage steigt schlagartig an, sie will befriedigt werden. Die Züchter reiben sich die Hände und beginnen mit der massenweisen Zwangsbesamung, unter Tausenden von Weihnachtsbäumen quiekt ein Retrieverwelpchen, seliges Kindergelächter, freudestrahlende Gesichter. Nach einem Jahr stellt sich heraus, dass verdammt viele dieser Tiere mindestens neurotisch, häufig bissig sind, weil total überzüchtet. Danach bevölkerte der süßeste Familienhund seiner Zeit die Tierheime.

Idioten, ja? Aktuelles Beispiel: Finden Sie Plumloris süß? Finden Sie dieses Video niedlich?

Ja, na dann.

Eine Freundin von mir hat sich vor einem Jahr einen Kater zugelegt. Sie  hatte ihre Facebook-Pinnwand immer voll von irgendwelchen süßen Tiervideos, irgendwann dachte sie: kann ich ja auch in echt haben, das war kurz nach einer Trennung. Seither riecht die Wohnung wie ein Pharaonengrab, und wenn das Vieh gerade nicht auf den Teppich köttelt, dann wichst es auf die Sofa-Kissen. Bringt sie sich einen Mann mit nach Hause, klettert er morgens um sechs auf den zwei Meter hohen Kleiderschrank, nimmt Anlauf und springt dem Mann ins Gesicht. Was dieser schwanzwedelnde Hospitalismus mit der Wohnzimmergarnitur angestellt hat, könnte als Brainstorming für einen Rodriguez-Film durchgehen. Seither ist auf ihrer Pinnwand nicht mehr viel los. Bloß neulich, da hat sie dieses Video gepostet. Und selbst geliked. Als einzige.

Frédéric ValinIch glaube, sie ist jetzt noch einsamer als vorher. Und in sehr kurzer Zeit erwachsen geworden. Ich werde sie mal fragen, welche Geräusche Katzen tatsächlich machen, wenn man sich auf sie draufsetzt.

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Frédéric Valin schreibt Texte aller Art. Er ist Gründer der zweiwöchigen Lesebühne Read on, my dear. Sein erstes Buch “Randgruppenmitglied” erschien im Verbrecher Verlag, das zweite folgt irgendwann 2013. Er twittert selten, aber wenn doch, dann meistens Unfug. Auf BRASH.de schreibt er fortan im Wechsel mit Peter Wittkamp über das Internet und was es mit einem macht.

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Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters.

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  • dingens

    Dabei sind gerade Plumploris ein Beweis dafu00fcr, wie hinterfotzig die Natur sein kann. Diese ach so niedlichen Tiere gehu00f6ren zu den wenigen Su00e4ugetieren, die giftig sind.nNiedlich sein, sich streicheln lassen, Beute dabei vergiften: Klingt nach einer guten Strategie. Noch sind die Loris zu klein um Menschen zu erlegen, aber daran arbeitet die Evolution wohl schon.

  • creezy

    Alles Schwachsinn. Sag der Frau, sie soll unbedingt zwei Katzen nehmen! Ist besser fu00fcr ihre Weltherrschaft.

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