TV-Kolumne
Nilz zappt (54)

Nimm mich raus, nimm sie mit: Nach einer Woche voller Casting-Wettbewerbsformate („DSDS“, „IBES“,  „Der Bachelor“ und Co.) hat Nilz sich ein besonders überholtes rausgepickt – „Take Me Out“, eine Herzblatt-Reminiszenz mit 30 Frauen und Ralf Schmitz als Kai Pflaume.

Take Me Out

30 Kandidatinnen, ein Auserwählter und Ralf Schmitz (r.): "Take Me Out", neuer RTL-Lückenfüller zwischen "DSDS" und dem Dschungelcamp (Foto: RTL / Stefan Menne)

Was für ein Wurf zurück in eine extrem unemanzipierte Zeit. Wie arm diese ganzen Frauen um diesen einen, vermeintlich begehrenswerten Typen buhlen müssen. Das ist nicht zu ertragen. Und wird bei RTL zur besten Sendezeit gezeigt.

Nein, ich spreche nicht vom Bachelor. Das ist ja wirklich die gescripteste Sendung der Welt. Dagegen sind sämtliche „Mitten im Leben“- und „Berlin Tag und Nacht“-Folgen Sendungen behutsamster Dokumentaristen. Gut, das Einzige was mich wurmt ist, dass ich noch nicht verstanden habe, ob das den Bachelor-Machern und Teilnehmern wirklich bewusst ist, aber ernst nehmen kann ich das natürlich zu keinem einzigen Zeitpunkt.

Ich meine eine andere Sendung, die ich an ihrer Premiere am Samstagabend zur „neuen“ Prime Time um 21:15 Uhr gesehen habe. „Take Me Out“ hieß die und war offensichtlich ein eingekauftes Format, das jetzt vermutlich mal als Testballon gesendet wurde (die Aufzeichnung selber muss vom Sommer sein, das sah man an den Einspielern…). Der Moderator der Sendung, Ralf Schmitz, steht einer Reihe von 30 Frauen gegenüber, die jeweils an einem speziellen Pult stehen. Dann kommt ein Mann auf die Bühne, der Single ist und ein Date sucht. In verschiedenen Runden soll er sich vorstellen und beweisen, warum man mit ihm ausgehen sollte. In jeder dieser Runden können die Frauen einen Buzzer drücken. Ihr Pult leuchtet dann rot und das bedeutet: Nein, ich will mich nicht mit dir daten. Und so bleibt am Ende hoffentlich mindestens eine Frau übrig, die „wirklich“ Interesse an dem tollen Hengst hat, der vorne auf der Bühne steht.

Gut, das klingt jetzt vielleicht bescheuert – ist aber in Wirklichkeit noch viel schlimmer. Gecastet wurden ausschließlich Frauen, die ein Mindestmaß an Unnatürlichkeit mitbringen und gerne zur Schau stellen. Dazwischen ein Ralf Schmitz, der sich verzweifelt durch die stimmungslose Sendung zu manövrieren versucht. Eine typische Szene, die die „Schlagfertigkeit“ der Kandidatinnen exemplarisch demonstriert: Am Ende der ganzen Runden beim ersten Single bleiben zwei Favoritinnen des Mannes übrig (ganz am Ende darf nämlich, natürlich, wieder der Mann auswählen – wo kämen wir denn sonst da hin bei Ihrem 50er-Jahre-Sender?). Und die müssen jetzt eine Frage beantworten, um so zur Auserwählten zu werden. Die Frage ist natürlich der Hammer: „Wenn Ihr ein Tier wärt, welches wärt Ihr dann und warum?“

Take Me Out

Ralf Schmitz (Mitte) und die "Take Me Out"-Kandidatinnen, hier ohne Auserwählten (Foto: RTL / Stefan Menne)

Kandidatin Eins wäre gerne ein Fisch, weil sie es so schön im Wasser findet und dann freut sie sich über ihre clevere, aber natürlich auch sehr romantische Antwort. Anscheinend denkt sie gerade, den kleinen Prinz neu geschrieben zu haben. Aber sie wähnt sich zu früh in Sicherheit.

Kandidatin Zwei hat sich in der Zwischenzeit nämlich was Supercleveres ausgedacht: Sie wäre gerne eine Schlange. Da denkt man natürlich: „Nanu? Schlangen sind aber keine Tiere, die besonders wohlwollend rezipiert werden, also, von normalen Menschen“, aber dieser Reaktion ist sie sich durchaus bewusst, wie das leicht süffisante Lächeln in ihrer Kunstpause beweist. Sie fährt dann fort, dass ihr bewusst sei, dass viele Angst vor Schlangen hätten, aber dass sie eigentlich toll und elegant wären und sie sich um das Bein des Kandidaten schlängeln würde und es somit wärmen. Wirklich, das hab’ ich mir nicht ausgedacht.

Nilz BokelbergUnd als Zuschauer hatte man in diesem Augenblick eigentlich nur noch den Wunsch, dass der „Herzblatt“-Hubschrauber kommt und alle Anwesenden und an der Produktion Beteiligten abholt und weit weg, in irgendein tibetisches Bergdorf bringt, wo sie ungestört, fernab der Öffentlichkeit, immer noch versuchen können auszuklambüsern, wer mit welchem Typen nach Hause gehen darf. Als Fisch, als Schlange oder als Wolpertinger. Vollkommen egal. Nur bitte nicht mehr in meinem Fernseher.

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Nilz Bokelberg (36) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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