TV-Kolumne
Nilz zappt (55)

Alle Jahre wieder: Das RTL-Dschungelcamp läuft gerade zum siebten Mal mehr oder weniger auf Hochtouren. Dschungelfan Nilz zieht eine Zwischenbilanz.

Ich könnte mich an dieser Stelle furchtbar aufregen über das angekündigte, neue Ulmen-Format auf Tele 5: „Who wants to fuck my girlfriend?“, aber ein Grundsatz und meine Idee von Kritik ist ja: Kritisiere Dinge, die du gesehen hast. Ich war auch bislang immer davon ausgegangen, dass sich alle darauf geeinigt hätten, aber die Aufregung der letzten Tage hat mich eines besseren belehrt. Nun ja. Reden wir drüber, wenn wir es gesehen haben.

Dschungelprüfung
Gleich werden tote und lebendige Tiere verspeist: Georgina “Fleur” Bülowius (Ex-Bachelor-Kandidatin) und Olivia Jones mit Dr. Bob bei einer Dschungelprüfung

Davon abgesehen passiert ja gerade auch etwas eklatant Wichtigeres im deutschen Fernsehen: Dschungelcampzeit! Damit werde ich auch niemanden überraschen. Wer nicht mitbekommen hat, das Dschungel läuft, muss wirklich unter einem Stein leben. So hat es diese Sendung bewundernswert geschafft, vom Feuilleton bis zum Boulevard wirklich überall ein tägliches Thema zu sein. Und das natürlich zu recht: Das Dschungelcamp ist wirklich herausragend gut gemachtes Fernsehen. Tolle Musikauswahl, super Texte, gute Moderationen. Ich glaube, genauso hab ich das hier auch letztes Jahr geschrieben. Was macht dieses Jahr also aus? Ein Zwischenfazit zur Halbzeit:

Wichtigste Neuerung: Daniel Hartwich ist der neue Mann an Sonja Zietlows Seite. Natürlich war die Lücke, die der tragische und überraschende Tod von Dirk Bach offen gelassen hat nicht zu füllen. Und trotzdem hat Hartwich alles richtig gemacht: Er hat der Versuchung widerstanden in die gleiche Kerbe zu hauen wie Bach und wurde deswegen von Anfang an als sehr eigenständiger Character wahrgenommen. Vielleicht noch etwas blass, aber er wird mit Tag zu Tag mutiger, kommt aus seiner Komfort-Zone raus und landet ein paar echte Treffer. Chapeau! Man hätte sich auch eine einfachere Aufgabe aussuchen können. Macht er wirklich gut. Hat nur irgendwie bedenklich abgenommen, sieht richtig ausgemergelt aus. Vielleicht mal einen Cheeseburger zwischenschieben.

Dschungelcamp 2013

Mindestens zwei von ihnen machen ihren Job ziemlich gut: Daniel Hartwich, Sonja Zietlow, Allegra Curtis, Patrick Nuo und diese Georgina im Dschungel

Wie schon bei der letzten Staffel, so hat man heuer auch wieder das Problem, im Schatten des Jay/Indira/Sarah Dingens/Peer-Dschungelcamps zu stehen. Die Zuschauer warten auf Zickenkriege, auf die Entblößung menschlicher Abgründe. Stattdessen nur angeblich intime Geständnisse und Erzählungen schlimmer Kindheiten, die die Anwesenden schon so routiniert runterspulen, dass man sich auch vorstellen kann, wie sie das auf irgendeiner Cocktail-Party erzählen. Wenn das eigene Schicksal zum Small Talk-Thema wird – das ist vielleicht das wirklich Erschreckende daran. Vor allem der christliche Popsänger Patrick Nuo, der mit ernst-trauernder Miene von seiner Pornosucht erzählte, stach da negativ heraus. Na klar: Pornosucht ist ja so ein schlimmes Schicksal und trotzdem kommt man noch als toller Hecht weg, der ja so omnipotent ist. Was für ein praktisches Leiden in der Öffentlichkeit.

Olivia Jones, Hamburgs bekanntester Show-Transvestit, hat natürlich vom ersten Tag an die Camp-Mutter-Rolle an sich gerissen. Gut, sonst hätte das auch keiner gewollt oder gekonnt, aber Jones drang sich selber die Rolle förmlich auf, mit ihren Ratschlägen die sie immer mit „…glaub einer alten Transe!“ abschliesst. Wenn das einer die ganze Zeit sagt, dann muss man das ja irgendwann glauben.

So sind die Charaktere im Camp auf dem Papier sicher eine spannende Mischung: Allegra Curtis, dauerleidende Tochter von Tony Curtis, Joey Heindle, Fünfter bei der letzten DSDS-Staffel, Arno Funke, der Karstadterpresser und noch ein paar so genannte Stars und Sternchen. Aber so richtig passieren tut noch nichts. Claudelle Deckert, „Unter Uns“-Darstellerin, scheint der einzig „normale“ Mensch im Camp zu sein, insofern man normal sein kann, wenn man in den Dschungel geht. Aber in die war ich schon immer heimlich ein bisschen verliebt. Schön zu sehen, dass ich mich nicht getäuscht habe.

Nilz BokelbergEs zeigt sich mal wieder: Die perfekt funktionierende Mischung von Dschungelcampbewohnern ist auch ein Stück weit Glückssache. Da muss die Konstellation richtig sein. Es bleibt nur zu wünschen, das die in den kommenden Staffeln wieder gefunden wird, dann sind nämlich die Redakteure nicht mehr gezwungen eine MAZ zu schneiden, die sich einzig und allein um Klaus’ (von Klaus und Klaus) „Session“ auf der Toilette dreht und was davon zu hören ist. Ein Beitrag der ruhigen Blutes als absoluter Tiefpunkt der aktuellen Staffel bezeichnet werden kann, nein, ehrlich gesagt vielleicht sogar aller Staffeln. Wegen solchen Beiträgen muss man sich als Dschungelfan immer rechtfertigen. Aber hey: Der Dschungel ist kein Kindergarten!

Das kriegt man jetzt endlich auch als Zuschauer zu spüren.

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Nilz Bokelberg (36) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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