Netzkolumne
Aufreger #9: Zeitverschwendung

Traurig, aber wahr: In seiner leider letzten Kolumne für uns hält Peter ein Plädoyer wider die Prokrastination. Weil Internet wie betrunken Küssen ist.

Gegen Herrenabende ist nichts einzuwenden! Im Gegenteil: Vor einiger Zeit veranstaltete ich selbst einen solchen. Die Zutaten dafür sind so simpel wie vorhersehbar: Zwei Kästen Schultheiß, eine Flasche Whiskey und – bescheuert, aber hey: Herrenabend! – ein Poster von Nackedeis aus dem einzigen Playboy, den ich besitze (April 2004, Super-Poster “Die schönsten Studentinnen der Republik”, tatsächlich geschenkt bekommen). Playboy, liebe Jugendliche, ist übrigens so etwas ähnliches wie ein gedrucktes Tumblr-Blog – nur plus ein Interview und “Witze”.

Beetlebum und Diktator Herrenabend

Mag Herrenabende, will in Zukunft mehr Zeit dafür haben: Peter Wittkamp, hier trotz medialem Überfluss alleine im Symbolbild (Illustration: Johannes Kretzschmar)

Nun waren Bier, Schnaps und die schönsten Studentinnen des Sommersemesters 2004 nicht die einzigen Teilnehmer des Abends. Drei Freunde und mein Bruder komplettierten die Runde aus Alkohol und Alumni in spe. Der Pfiffigste dieser Runde brachte das exzellente Spiel “Gesprächsstoff” mit. Eine Sammlung von Karten, auf denen jeweils eine Frage aufgedruckt war, die für genau das sorgen sollte, nachdem das Spiel benannt war.

Einige Beispiele:

- “Wenn ich Dir einen Tasse geben würde, die Du nach Belieben füllen könntest – womit würdest Du sie füllen?”
(Diamanten oder Glühwein, je nach Jahreszeit)

- “Glaubst Du, dass man anhand der Musik, die jemand gerne hört, auf den Charakter rückschliessen kann?”
(lange, ergebnislose Diskussion, eher nein, Ausnahme: Nazi-Rock)

- “Wer gewinnt in einem Kampf Krokodil gegen weißer Hai?”
(Frage ungültig, da höchstens das Salzwasserkrokodil einem weißen Hai nahe kommen kann)

- “Welchen Titel würdest Du einem Buch über Dein Leben geben?”

Diese Frage war nun schwer zu beantworten, da bereits der Philosoph Paul Feyerabend mit “Zeitverschwendung” autobiographientitelmäßig den Vogel abgeschossen hatte (allerdings kam ihm Freund Sebastian mit “Sorry” recht nahe).
Aber “Zeitverschwendung” blieb hängen. Denn Zeitverschwendung ist häufig eine treffende Zusammenfassung meines Internetverhaltens.

Ich beobachte fast unentwegt die Facebook-Timeline, die stetig wie ein kleines Bächlein herunter fließt. Ab und taucht ein besonders gelungener Beitrag auf, den ich mit einem kleinen Däumchen dekorieren mag. Oder ich versuche, unter diesem Beitrag eine Pointe zu installieren, für die dann wiederum ich kleine Däumchen erhalte.

Ich scrolle auf Instagram durch eine Menge hübsche Filter, in denen sich ab und an ein feines Foto versteckt. Passen Foto und Filter auffallend gut zueinander, mag ich auch hier ein Däumchen drücken. Gibt aber nur Herzchen. Auch gut.

Ab und an schaue ich auch einmal in Twitter hinein, hier ist ein Sternchen das Herzdäumchen. Klick, klick – und bei Gelegenheit auch mal selbst einen Aphorismus einpflegen.

Nebenbei beobachte ich zwanzig bis dreißig Blogs und Sascha Lobo dabei, wie sie entweder verkünden, dass Blogs gerade tot sind oder aber eine Renaissance erfahren. Dann noch ein wenig Spiegel Online, Chats, Comics, Musik, Listen, Bildchen, Waffelrezepte …

Also all das, was man meint, wenn man „Ich wollte vor sechs Stunden 15 Minuten ins Netz gehen“ sagt. Und genau das macht ja auch eine Menge Spaß. Nur: Von diesem ganzen Scheiß bleibt fast nichts hängen!

Es ist wie betrunken Küssen: Im Moment der Ausübung die beste Idee der Welt, mit dem Abstand von 14 Stunden Schlaf nur noch bedingt nachvollziehbar. Was ist da überhaupt passiert? Und warum eigentlich? Wurde wenigsten ein Däumchen gedrückt? Ein Herzchen vergeben? Oder doch nur vergebens geherzt?

Wenn ich mich sechs Stunden lang mit Freunden treffen, bleiben Gedanken, Anekdoten, Erinnerungen. Wenn ich sechs Stunden im Netz surfe, bleibt oft erstaunlich wenig. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich da gemacht habe. Das wird für mich vermutlich nicht weniger Internet bedeuten – aber mehr Herrenabende!

Endlich mal eine gute Nachricht für die Zeitschriftenbranche.

Peter Wittkamp_________________

Peter Wittkamp sitzt gerne mit Drink und Zigarette in Berliner Bars und sinniert über das Leben und das Internet. Darin ist er als @diktator berühmt und berüchtigt. Sein erstes Buch über die Welt der Listen erscheint 2013, seine kleine Netzkolumne “Aufreger – Was mich im Netz nervt” erschien bis heute hier im Wechsel mit Frédéric Valin. Danke für den Fisch und alles Gute, Peter!

***

Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters.

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  • Jessica

    Mh. Unklar. Ich kann dem nur bedingt zustimmen. Ich habe eher das Gefu00fchl bereichert zu werden durch das Internet. Liegt wahrscheinlich auch immer an der Auswahl der Seiten und Inhalte. Wie bei anderen Dingen auch scheint das Motto “Klasse anstatt Masse” hier wohl zuzutreffen. nNichts desto trotz: Dieser Artikel hat mich zum Denken gebracht. Sie haben demnach den Auftrag “einen Beitrag leisten” erfolgreich erfu00fcllt. ;-)

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