Netzkolumne
Aufreger #10: Hitlervergleiche

Unpassende Hitlervergleiche tauchen in Diskussionsforen auf, wie das Amen in der Kirche. Unser Netzkolumnist Frédéric Valin widmet sich heute auch ohne Hakenkreuz-Hashtag inbrünstig dieser Erscheinung und einem Gesetz – und hat einen überraschenden Vorschlag parat.

„Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Verweis auf Godwins Law dem Wert Eins an.“ Denn der Verweis auf Godwins Law ist der Hitlervergleich für Leute, die nicht mit Hitler vergleichen. Der letzte Streich, mit dem sie glauben, in jeder Diskussion den Endsieg zu erringen. Es ist zwar auch eine Unsachlichkeit, aber erstens hat der andere ja angefangen, und zweitens können sie sich auf einen Avantgarde-Knigge berufen, den kaum einer in Frage stellt.

(Illustration und Bildunterschrift: Johannes Kretzschmar)

Und weils so avantgardistisch ist und dem Kenner ein innerer Reichsparteitag, ist es auch egal, dass man mit dem GL-Verweis in Sachen Realitätsverweigerung auf einer Linie mit Reichsflugscheibengläubigen liegt. Als ob man dadurch die Diskussion wieder versachlichen könnte! Als ob dadurch auch nur einem Hitlerwitz das Bärtchen abrasiert würde.

Nichts hat dieser Verweis gebracht, vor allem keine kulturelle Abrüstung. Inzwischen wird alles mit den Nazis verglichen, Zirkusnummern sollen eine faschistische Ästhetik haben, jede noch so bedeutungslose politische Entscheidung wird mit irgendeinem Gesetzesvorhaben aus der NS-Zeit verglichen, es gibt vielleicht fünf Leute weltweit, denen noch nicht das Zeug zum Obersturmbannführer attestiert worden ist. Und diese „Es bleiben im Raum“-Videos sind wahrscheinlich das einzige Mem mit eindeutigem historischen Bezug.

Vergleiche lassen sich nicht verbieten, es lässt sich alles miteinander vergleichen, in den Worten Volker Strübings:

“Man kann alles mit allem vergleichen, Äpfel mit Birnen, Jesus mit Hitler oder ein frisch gezapftes Bier mit dem Holocaust… obwohl, als ich das schon einmal behauptete, hat mich ein Kollege entsetzt angeschaut und gesagt: ‘Nichts ist mit einem frischgezapften Bier zu vergleichen!’ Vergleichen ist doch nicht gleichsetzen, meine Fresse! ‘Man kann dies nicht miteinander vergleichen, man kann jenes nicht miteinander vergleichen!’ Herrjeh! Natürlich ist ein Apfel keine Birne, Jesus war nicht Hitler und Goethe war kein Volker Strübing, aber wenn man diese Sachen nicht miteinander verglichen hätte, hätte man das vielleicht nie bemerkt.”

Klar: Hitlervergleiche sind wie Goebbels, sie hinken. Immer. Aber Godwins Law ist der Obersalzberg unter den Diskussionskniffen: unverrückbar, unantastbar, abgeschieden von der Welt, sterbenslangweilig.

Godwins Law ist etwas für Spielverderber, die sich schmunzelnd für intelligenter halten. Von wegen: Jemand, der „selber“ schreit, ist einfallsreicher. Wenn Nazivergleiche die Verbalgrätsche unter den Diskussionsmitteln ist, dann ist Godwins Law die Schwalbe, der unkreativste Versuch, sich einen Vorteil zu verschaffen. Dabei gäbs noch so viele schöne Vergleichsfelder! Zum Beispiel Helmut Schmidt. Viel mehr Dinge sollten mit Helmut Schmidt verglichen werden, dann sähe die Welt gleich viel besser aus, weil es so gut wie nichts gibt, was so überflüssig und langweilig ist wie seine Zeit-Artikel.

Frédéric Valin______________________________

Frédéric Valin schreibt Texte aller Art. Er ist Gründer der zweiwöchigen Lesebühne Read on, my dear. Sein erstes Buch “Randgruppenmitglied” erschien im Verbrecher Verlag, das zweite folgt irgendwann 2013. Er twittert selten, aber wenn doch, dann meistens Unfug. Auf BRASH.de schrieb er bisher im Wechsel mit Peter Wittkamp über das Internet und was es mit einem macht.

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Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters.

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