Netzkolumne
Aufreger #11: Hass

Haters gonna Hate. Unser Netzkolumnist Frédéric Valin untersucht heute gelassen ein Phänomen, mit dem wohl schon jeder User in Berührung kam. Und sich dabei ein wenig ekelte.

Wir ändern kurz die Regeln: „Aufreger“ heißt heute nicht, worüber ich mich aufrege. Sondern: „Über Aufreger“.

Kommentare zu lesen ist eine heroische Angewohnheit, insbesondere zu eigenen Artikeln. Die Lektüre des Kommentarstrangs ist selten erbaulicher als ein Til-Schweiger-Film. Es gibt Themen, die wie ein Katalysator wirken, und unter denen sich alle Dummheit und Niederträchtigkeit bindet, zu der Menschen fähig sind. Der Islam und die arabische Welt zum Beispiel. Feminismus und Gleichberechtigung. One Direction. Raucher. Vegetarismus. Kritisches zur Piratenpartei. Israel und Palästina. Die Krise des professionellen Journalismus. Und, natürlich, Helgoland.

Illustration Johannes Kretzschmar.

Kommentatoren zu diesen Themen tragen selten Glacéhandschuhe, Contenance halten sie für etwas, das man in Suppen tun kann. Ihre Beiträge hacken sie mit gestreckten Mittelfingern in die Tastatur. Standardkommunikationsmodell Tourette.

Meine erste öffentliche Drohung kam von einem Piratenanhänger, dem nicht gefiel, dass mir die Partei nicht gefiel. Er teilte mir dann mit, ich stünde auf irgendeiner Liste, womit er wahrscheinlich nicht jene meinte, auf der die potentiellen Swingerclubpartner seiner Mutter verzeichnet sind. Außerdem wolle er mir die Fresse polieren und seltsame Dinge mit meinen Gedärmen machen. Ich weiß nicht mehr, ob ich es belustigend oder beängstigend fand, dass er sich selbst sa7yr nannte. Er hatte eine extra posterous-Seite für mich eingerichtet, auf der er diverse Zitate von mir sammelte und sinnentstellend zusammenschnitt, und weil ihm das noch nicht kompromittierend genug vorkam, kommentierte er sie auf eine Art, die vermuten ließ, dass er Dan Brown als zu realistisch ablehnte.

Ich sah mich danach hin und wieder Drohungen ausgesetzt, zu den unterschiedlichsten Anlässen aus völlig verschiedenen Ecken, per Mail, per Tweet, per Homepage mit Clipart-Verzierungen. Es endete schlagartig, als ich aufhörte, für Spreeblick zu schreiben. Ich habe mir nie ernsthaft Sorgen gemacht, dass tatsächlich mal einer mir gegenüber handgreiflich werden könnte; vielleicht weil ich damals gegenüber einer stadtbekannten Neuköllner Mafiafamilie lebte und mich auch da völlig sicher fühlte. Eventuell bin ich da schlicht leichtsinnig.

Andererseits: Ich war gar nicht gemeint mit den Anfeindungen. Ich habe genug Geschwister, um zu wissen, dass man nur dann mit körperlicher Gewalt droht, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Einschüchterungsversuche sind Kapitulationserklärungen. „Aufs Maul“ ist der Satz, der fällt, wenn das Hirn sonst partout nichts hergibt. Es ist die Hilflosigkeit, die da spricht. Und ein eingeschränktes metaphorisches Vorstellungsvermögen.

Kaum auszumalen, was man aus dem Potential der sich übervorteilt Fühlenden alles hätte machen können. Aber nein, die Piraten mussten ja dringend eine liberale, obendrein konventionelle Partei werden, weswegen Wochen und Monate über „Meinungsfreiheit“ diskutiert wird, nie über Ermächtigung. Kein Wunder ist der Bodensatz so häufig aufgebracht gegenüber den eigenen Galionsfiguren, die ihren Arsch in die Institutionen verfrachtet haben. So geht das, wenn man zwanghaft antiideologisch ist – im Pragmatismus ist sich jeder selbst der nächste. Da könnte ich mich ja drüber aufregen, das nächste Mal dann.

Frédéric Valin______________________________

Frédéric Valin schreibt Texte aller Art. Er ist Gründer der zweiwöchigen Lesebühne Read on, my dear. Sein erstes Buch “Randgruppenmitglied” erschien im Verbrecher Verlag, das zweite folgt irgendwann 2013. Er twittert selten, aber wenn doch, dann meistens Unfug. Auf BRASH.de schreibt er über das Internet und was es mit einem macht.

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Johannes Kretzschmar illustriert diese Kolumne. Unter blog.beetlebum.de illustriert er fast täglich sein Leben – als Laborratte, Star Wars-Fan, Geek und Gegenüber seiner Freundin und seines Hamsters.

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