TV-Kolumne
Nilz zappt (59)

Was wir beim ESC in Malmö zu wenig an Punkten heimholen, liebe Zuschauer, könnte Stefan Raab beim Kanzlerduell ausgleichen, vermutet TV-Kolumnist Nilz Bokelberg.

Erstmal das: ESC-Vorentscheid. Anke Engelke moderiert sich gewohnt charmant (die große Gala, das kann sie) durch einen weiteren öffentlich-rechtlichen Versuch, einen auf Popkultur zu machen. Nach drei Jahren zum ersten Mal ohne Raabsche Schützenhilfe und sofort zurück in alte Mief-Traditionen. Ein dreistimmiges Voting aus Jury, Zuschauer und Radiohörer-Stimmen sollte ein Endergebnis schaffen, mit dem alle glücklich sein können. Es kam dann ganz anders, nicht zuletzt wegen einer seltsamen Jury-Punktevergabe.

Heftig in die Windmaschine singen: Cascada - Unser Song für Malmö. (Foto: Screenshot ARD)

Deutschland wird in Malmö nun von Cascada repräsentiert, einem weltweit sehr erfolgreichen Dance-Act, der mit Erfolg ein Lied so frei von jeglicher Innovation komponiert hat. Mit einer Bühnenshow, die schon gelangweilt hat, als sie Sarah Connor in den Neunzigern bei „Wetten dass“ machte. Gut, das ein oder andere „Germany, one point!“ werden wir wohl zu hören kriegen, ansonsten sollten wir aber keine größeren Titelhoffnungen hegen beim diesjährigen europäischen Gesangswettbewerb. Was soll’s?

Der Wettbewerb selber ist ja das interessante. Da können wir auch mal ein Scheiß-Lied hinschicken. Überambitionierter Sommerpop funktioniert ja auch nicht, wie man letztes Jahr sehen konnte. Und ehrlich, bei solchen Votings ist ja auch nicht immer auf die Zuschauer Verlass. Die hätten ja vermutlich sogar Heino gewählt, wenn der mit einem seiner Cover hätte antreten können. Ganz so schlimm ist Cascada ja dann doch nicht. Wobei: Weit weg von dem Rentner-Blondie sind die auch nicht.

Bleiben wir aber bei Raab: Der hat ja gestern Abend die zweite Folge seiner „Absoluten Mehrheit“ über die Bühne gebracht und so langsam muss man sagen: Ja, so geht’s doch. Ich fand immer noch einige Sachen unangenehm unsouverän, vor allem Raabs offensichtlicher Crush für Linda Teuteberg von der FDP, der er gleich mehrmals sagen musste, wie gut sie aussähe. Abgesehen von der relativen Inhaltsleere eines solchen Kompliments ist das auch etwas uncharmant, sich als Moderator so superdeutlich zu positionieren. Zumindest in einer solchen Sendung. Das Raab kein klassischer Grünen-Wähler ist, dürfte auch dem letzten Nappes klar sein, da muss man das auch nicht so stolz zur Schau tragen. Egal, die Sendung ist wirklich deutlich besser geworden, seit der ersten Ausgabe und Raab viel besser vorbereitet. Sitzt auch nicht mehr so oft breitbeinig da. Noch zwei Ausgaben, dann passt die Sendung.

Nur einer macht die Beine breit: Stefan Raab in "Absolute Mehrheit". (Foto: Screenshot Pro7)

Viel wichtiger in der vergangenen Woche war aber, dass Stefan Raab von der Pro Sieben/Sat 1 AG ins Rennen geschickt wird als Moderator für das anstehende Kanzlerduell. Steinbrück hat sich ja zuerst dagegen gewehrt, ist dann aber schnell zurückgerudert. Und das aus gutem Grund: Das Kanzlerduell ist wirklich eine der wenigen Sendungen, die von Raab profitieren können. Ich kann mich nämlich gut daran erinnern in den letzten Jahren eine der langweiligsten und profillosesten Sendungen aller Zeiten gesehen zu haben, in denen zwar schön geredet wurde, aber bei mir als Zuschauer nur rüberkam: Ach, da hätte ich ja auch das Parteiprogramm lesen können. Hölzern, unmodern, staubtrocken – kurz: total unattraktiv. Außer Politikern, Journalisten und selbsternannten Intellektuellen, kann sich das niemand ansehen. Nun bekommt zum Beispiel Jakob Augstein in seiner Spiegel Online Kolumne schon Angst vor Raab im Kanzlerduell. Weil er, alter Bildungsbürger, den Raab nicht mit in dieser Sendung haben will, mit all ihren Codes und Insidern, die nur Eingeweihte verstehen. Sein Text liest sich dann auch in etwa so: Wo kämen wir denn da hin, wenn Politik die Leute plötzlich interessieren, ja, vielleicht sogar begeistern sollte? Nein, nein, lasst die einfachen Menschen mal schön außen vor, wir sagen denen schon, was sie wählen sollen.

Schlimm. Und zum Glück erhört ihn auch niemand in seiner Arroganz des Wissens. Schon die Vermutung, dass die Anwesenheit von Raab allein bei der Sendung die Show trivialisieren würde, anstatt um viele, sonst verlorene, Zuschauer bereichern, zeigt wie unerhört undemokratisch Augsteins Ansicht in diesem Fall ist. Bäh. Shame on you, Jakob!

Und in vier Jahren lässt die SPD Raab den Kanzlerkandidaten wählen. Dann steigen auch die Chancen wieder.

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Nilz Bokelberg (36) ist Moderator, Autor, Netz- und Fernsehjunkie und bloggt unter anderem für unsere Fünf Filmfreunde. Bei Twitter ist Nilz auch.

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    Den “Crush” fu00fcr Linda Teutoburger wu00fcrde ich eher einem wenig subtilen Versuch zuschieben, sie durch ein Bru00fcderle-haftes Verhalten aus der Reserve zu locken. So zumindest meine Interpretation.

  • Steven G.

    Ich fand Stefan Raab sehr peinlich. Und verstehe den ganzen Hype um ihn als Moderator nicht. Er mag ja gute Ideen fu00fcrs Fernsehen haben, aber er ist kein guter Moderator. Da gibt es einfach bessere.

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