Netzkolumne
7 Dinge über Rechtschreibnazis

Netzkolumnist Frédéric Valin möchte der Sprachkritik im Internet kein Forum bieten. Den eifrigen Vertretern der Rechtschreibpolizei empfiehlt er deshalb einen Gang in den Keller.

1
Allein schon die Sache mit dem Deppenapostroph. Jeder macht Witze über Deppenapostrophe. Ich habe in meinem dafür leider viel zu langen Netzleben vielleicht drei Leute getroffen, die Witze über Deppenapostrophe ablehnen. Diese ganzen Friseurnamenschilderfotografien! Es gibt nichts einfacheres als Friseurnamenschilderfotografien, um sich in gemeinsamer Überlegenheit und eitler Selbstgefälligkeit über das analphabetisierte, verblödete Subproletariat lustig zu machen. Friseurnamenschilder, die englischen Lokführeransagen für Snobs.

2
Die Opposition gegen den Deppenapostroph, den sogenannten, ist nur die Spitze des Spazierstocks. Wieviele Sorgen sich die Leute über Rechtschreibung in der Lage zu machen sind! Mit der Selbstverliebtheit des ZEIT-Feuilletons und einem pochernden Humorverständnis wird sich über Kommafehler in YouTube-Kommentaren mokiert, mehr als zwei Tippfehler in einem Artikel lösen regelmäßig Diskussionen über den IQ des Autoren aus, und sobald die Orthographiekompetenz des Kontrahenten unter SpOn-Niveau sinkt, wird in spitzen Bemerkungen dessen gesamte Integrität in Frage gestellt. Weil, wer ein Deutsch schreibt wie von Captchas gelernt, hat wohl auch sonst nur Wurstwasser unter der Schädeldecke schwappen.

3
Weil, das sind Bildungsopfer. Die unausgesprochenste Beleidigung im ganzen Netz ist jene: Hauptschüler.

4
Eine Beleidigung, die ach so oft von eigentlich ganz netten Menschen kommt. Wenn im Iran das Volk auf die Straße geht, färben sie ihren Avatar grün und ändern ihre Location auf „Teheran“. Die CSU finden sie menschenverachtend, sie sind gegen soziale Ausgrenzung, sie sind für Emanzipation, sie sind für Toleranz, sie leben so lange in Multikulti-Vierteln, bis sie Kinder im schulpflichtigen Alter haben.

5
Sie wissen, was schief läuft, und: Sie wollen von den Problemen sprechen, kein anderer an ihrer Stelle. Sie wettern gegen Hartz4, aber wenn ein Hartzer das in seinem miserablen Deutsch aufschreibt, wenden sie sich hämisch lächelnd ab. Sie sind gegen Ausländerfeindlichkeit, aber wenn Stiefmuttersprachler anfangen, herumzuradebrechen, muss er mindestens klingen wie Dendemann, sonst sagen sie es lieber weiter selbst. Weil sie es können! Sie sind Anwälte einer guten Sache, Betroffene, die nicht betroffen sind.

6
Man versteht, wie Peer Steinbrück Kanzlerkandidat werden konnte. Ja, der Vorwärts hatte schon ganz recht, Steinbrück als Bismarck-Zombie darzustellen, denn was Bismarck an der Macht hielt, war das Spießertum; und das hat sich heute die dass/das-Diskussion, das wenn/falls-Dilemma und der Rettung von dem Genitiv verschrieben. Das in einem Land, das seine soziale Ungerechtigkeit vor allem durch sein Schulsystem zementiert.

7
Leute, verbrennt euren Duden, konzentriert euch auf das, was ihr noch nicht wisst. Und wenn ihr wisst, wie man Heniadioin schreibt, dann freut euch meinetwegen darüber, aber geht dafür bitte in den Keller.

______________________________

Frédéric Valin schreibt Texte aller Art. Er ist Gründer der zweiwöchigen Lesebühne Read on, my dear. Sein erstes Buch “Randgruppenmitglied” erschien im Verbrecher Verlag, das zweite folgt irgendwann 2013. Er twittert selten, aber wenn doch, dann meistens Unfug. Auf BRASH.de schreibt er über das Internet und was es mit einem macht.

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  • http://drikkes.com/ drikkes

    Wie, der Artikel ist schon u00fcber eine Viertelstunde alt und noch niemand hat mit “Hu00e4hu00e4, das ‘nichts einfacheres’ im ersten Absatz schreibt man grou00df” kommentiert? Wahrscheinlich lesen nur Hauptschu00fcler BRASH.

  • Frederic Valin

    Ostereiersuche. Es sind noch andere Fehler versteckt!

  • fond of enslaving

    Wer Hauptschu00fcler als Schimpfwort benutzt, kriegt gleich eins mit der F…-Keule u00fcbergezogen!

  • Robert

    Also, ich als bekennender Rechtschreibnazi fu00fchle mich durch diesen Artikel diskriminiert … :DnnNein, im Ernst: Rechtschreibfehler an sich sind nicht das Problem. Auf YouTube, Facebook, in Foren und Kommentarspalten kann man aber jedoch genug Material fu00fcr eine Stichprobensammlung finden. Und da geht es mitnichten um die Schreibung von fancy Fremdworten, sondern um die allerbasalsten Grundregeln unserer Sprache. Das linguistische u00c4quivalent zum Schuhezubinden. Und siehe da: eine katastrophale Rechtschreibung und Grammatik geht u00fcberzufu00e4llig oft einher mit inhaltlichem Schwachsinn, unqualifizierten Beschimpfungen und Beleidigungen, strunzdoofen Vereinfachungen und auch hu00e4ufig rechtem Gedankengut. Das mag jetzt manchem Unrecht tun, den meisten jedoch nicht. Das nennt sich eine Heuristik, und die bildet sich nun mal zwangsweise mit der Erfahrung aus. Wenn sich jemand also u00fcber “die Politiker”, “die Gutmenschen”, “die Auslu00e4nder” oder einen beliebigen Promi echauffiert mit einem Gestus, als hu00e4tte er/ sie die Welt verstanden und alle anderen wu00e4ren dumm, und dabei selbst schlimmer schreibt als meine Tochter in der dritten Klasse, dem spiegel ich gerne mal zuru00fcck, dass ich ihn/ sie so nicht ernst nehmen kann. nnAnschauliche Beispiele: http://de.webfail.com/ffdts oder https://www.facebook.com/Nationalistische.Kackscheisze Auch sehr vielsagend: http://pinmobo.com/i/4928783_700b.jpg

  • TL

    Ab “Diskussionen u00fcber den IQ des Autoren” habe ich nicht mehr weitergelesen.nSchu00f6ne Gru00fcu00dfe, der Grammatiknazi

  • Grammarnazi

    Nein, im Ernst: Rechtschreibfehler an sich (redundanter Ausdruck) sind nicht das Problem. nnnnAuf YouTube, Facebook, in Foren und Kommentarspalten kann man aber njedoch genug Material fu00fcr eine Stichprobensammlung finden. Und da geht nes mitnichten um die Schreibung von fancy Fremdworten, sondern um die nallerbasalsten (meinen Sie vielleicht allerbanalsten?) Grundregeln unserer Sprache. nnnnDas linguistische u00c4quivalentn zum Schuhezubinden (Schuhe zubinden. Bitte beachten Sie die Schreibweise). nnnnUnd siehe da: eine katastrophale Rechtschreibung nund Grammatik geht (in diesem Fall: gehen) u00fcberzufu00e4llig (u00fcberzufu00e4llig ist kein Wort. Vielleicht wollten Sie u00fcberdurchschnittlich sagen?) oft einher mit inhaltlichem Schwachsinn,n unqualifizierten Beschimpfungen und Beleidigungen, strunzdoofen (Umgangssprache) nVereinfachungen und auch hu00e4ufig rechtem Gedankengut. nnnnDas mag jetzt nmanchem Unrecht tun, den meisten jedoch nicht. Das nennt sich eine nHeuristik (es gibt werder eine noch mehrere. Bitte schlagen Sie zudem den Begriff Heuristik im Wu00f6rterbuch nach), und die bildet sich nun mal zwangsweise mit der Erfahrung naus. nnnnWenn sich jemand also u00fcber “die Politiker”, “die Gutmenschen”, “dien Auslu00e4nder” oder einen beliebigen Promi echauffiert (Kommasetzung beachten) mit einem Gestus, nals hu00e4tte er/ sie die Welt verstanden und alle anderen wu00e4ren dumm, und ndabei selbst schlimmer schreibt als meine Tochter in der dritten Klasse,n dem spiegel ich gerne mal zuru00fcck, dass ich ihn/ sie so nicht ernst nnehmen kann.

  • Frederic Valin

    Das freut mich.

  • Frederic Valin

    Eventuell sind nur deswegen so viele rechtschreibschwache Kommentatoren rechts, weil die sich als die einzigen von der Herablassung der Gebildeteren nur herausgefordert, nicht aber eingeschu00fcchtert fu00fchlen.

  • Susanne

    Ich bin bekennende Rechtschreibspieu00dferin – gegen den Ausdruck Nazi verwahre ich mich – und weiche auch nicht davon ab. Es geht, genau wie Robert richtig angemerkt hat, um die Grundregeln deutscher Rechtschreibung und Grammatik und darum, falschen und blu00f6den u00dcbernahmen aus dem Amerikanischen – Deppen-Leerzeichen und -Apostroph – Einhalt zu gebieten. Diese Macken und Moden nerven einfach nur.nnNoch eine Anmerkung zu den Friseuren: Wohl kaum eine Berufsgruppe hat so kreative Namen fu00fcr ihre Geschu00e4fte gefunden, ich stehe immer wieder staunend davor. Gerade da kommen die oben genannten Macken recht wenig vor.nnSeit ich selbst ein Tablet habe, habe ich u00fcbrigens mehr Verstu00e4ndnis fu00fcr Fehler in Online-Kommentaren. Es ist doch ziemlich schwierig, mit Fingertippen und Autovervollstu00e4ndigung immer alles sauber hinzuschreiben. In sofern leiste ich ein bisschen Abbitte.

  • glamorama

    Ist das jetzt Absicht, dass der Text voll von grammatikalischen Fehlern ist? Wenn ja, verstehe ich den Punkt nicht – es geht doch um Rechtschreibung, oder?

  • Otto Bismagg

    Read the article again. You still have a try.

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